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BEST OF UNVERÖFFENTLICHT: Ivica Osim

Sie nannten ihn Svabo

 

 

Die elegante Frau auf dem Gehsteig neben dem riesigen Grau-Mercedes fragt nach der Möglichkeit, hier in Wien Parkscheine käuflich zu erwerben. Auf der anderen Strassen-Seite dreht der gross gewachsene Graumann, den sie dereinst »Svabo« nannten, vornüber gebeugt eine Ehrenrunde und seiner angetrauten Frau den Rücken zu. Dabei wedelt er mit seiner rechten Hand abwärts wie in der Coaching-Zone und macht eine aus dem Fernsehen bekannte Abschmetterungs-Geste. Wie nach einem falschen Abseitspfiff während eines Sturmlaufs. Ist die Aufregung berechtigt? – Ein Sturmlauf wird es werden, obwohl es vorerst wie ein ganz normaler Interview-Termin in einem Wiener Tee-Lokal auf der Wieden aussieht. Als langbeiniger »Svabo«, der Strauss – steht aber auch für »der Deutsche« (= vielleicht wahrscheinlicher, egal!) – ist er kaum bekannt. Als »Ivan« kennen ihn nur wenige. »Ivan den Schrecklichen« nennen ihn nicht mal seine Gegner, von etwaigen Feinden ist nichts bekannt und ganz zu schweigen. Unter seinem Diminuitiv »Ivica« ist Herr Osim am bekanntesten.

Anpfiff: Nachdem er am 6. Mai 1941 in Sarajevo geboren ist, wird er als Aktiver schon recht bald Fussballer der Weltklasse. Stationen sind Zelejnicar Sarajevo, in Frankreich und im Nationalteam. Als Teamchef leitet er dann auch das YU-Team Anfang der 90er mit Suker, Savicevic, Prosinecki und Boban, die er allesamt entdeckt und gefördert hat. Seit 1994 ist er Trainer bei Puntigamer Sturm Graz mit 3 Teilnahmen an der Champions League. Im Herbst 2000 erreicht er mit seiner Mannschaft als Gruppensieger sogar die Zwischenrunde der europäischen Millionenliga. Deswegen geniesst Osim allerorten Ansehen als Trainer – und seinen Spitznamen (Strauss und/oder »der Deutsche«, wegen seines Blondhaars?) lässt er unerwähnt. Überhaupt schweigt er viel lieber als mit seinem liebenswerten Charme hausieren zu gehen. Dabei gilt Ivan »Ivica« Osim als Fussballprofessor und Philosoph. Auch deswegen, weil er aus dem Provinzklub mit einem mehr als rustikalen Präsidenten eine Mannschaft von europäischem Zuschnitt formen konnte.

Im Buch, seinem zweiten, beleuchtet er die dunklen Stunden ebenso wie den für Jugoslawien so symbolhaften Zerfall des Nationalteams, das den Menschen die letzten Einheitsgefühle vermitteln konnte. (Das erste Buch: »Ivica Osim – Das Spiel des Lebens« wurde von Tom Hofer aufgezeichnet.) Ausbedungen hat Osim, genannt Ivica und früher »Svabo«, sich ein Interview für die Obdachlosen-Zeitung, noch bevor die ORF-Teams von ORF1 (Sport) bis ORF 2 (Seitenblicke) und von Ö3 bis zur ZiB3 anrücken. Die Bevorzugung erzeugt böse (Seiten)Blicke – daran ist man als AUGUSTIN sowieso gewöhnt. Wem ein Star-Trainer bevorzugt, der ist motiviert. Man setzt sich in eine gemütliche Ecke und lässt sich in einen Mercedes von einem Fauteuil sinken, aus dem man nicht mehr weiss, ob man überhaupt wieder aufkommt. Eigentlich möchte man das ganze schnell im Stehen abwickeln, weil Herr Osim auch beim Coachen lieber steht und am eigens installierten Haltegriff seines Hüttels wie in einer Strassenbahn hängt. Auch weil ihm der Rücken Probleme macht und er es auf der Straf- oder Ersatzbank sowieso nicht aushalten würde. Eine Servierkraft bringt grünen Tee und Kaffee in Form eines kleinen Braunen. Aus Nettigkeit wird zuerst gefragt: Herr Osim, womit wollen wir anfangen, mit Politik oder Fussball? Worüber lieber?

»Über Fussball ist leichter. Man kann auch korrekter reden. Politik ist ganz was anderes. Das ganze Leben kann Politik sein. Viele machen aus einfachen Sachen auch Politik… Besser wäre überhaupt nur über Fussball zu reden.« Aber weil der AUGUSTIN kein Fanzine ist, muss ein bisserl nachgefragt werden. Ist es nicht so, dass nur mehr Länder, die nicht so reich sind, bessere Fussballer hervorbringen? – »Nein! Obwohl die Spieler oft kommen aus ärmeren Ländern. Und wenn man jetzt sieht die Situation in Europa, wo sie wollen eine Extra-Profiliga gründen, dann frage ich mich: Wo wollen sie die Talente suchen? Sie haben nicht die Zeit zu arbeiten. Das müssen kleinere Fussballkolonien sein, die viele Talente haben, und die suchen irgendwo anders das Glück – und Glück ist, in Europa zu sein.«

Osim ist einer der angesehensten Fussballtrainer – nicht nur von Europa! – und auch ein Mann mit Geschichte. Das unter seiner Ägide gross aufspielende, legendäre Wunderteam aus Jugoslawien hatte 1992 alle Chancen, die EM zu gewinnen. Spieler aus allen Teilrepubliken fügten sich zu einem harmonischen Ganzen. Doch Osims Heimatland zerbrach in den politischen Wirren, und er musste in den Jahren des Balkankrieges mitansehen, wie seine geliebte Geburtsstadt Sarajevo zerstört wurde. »Als Frage des Charakters« gab er noch vor dem Ausschluss des jugoslawischen Teams seinen Rückzug als Teamchef bekannt – unter Tränen. Und während der – trotz sich zügig einstellender Erfolge und Geldbelohnungen in Form von Siegesprämien – durchaus menschlich gebliebene Osim weiter als Trainer in Athen und Graz Erfolge feierte, galt seine grösste Sorge der in Sarajevo zurückgebliebenen Ehefrau Asima und seinen Kindern, zu denen er monatelang nur über Telefon Kontakt halten konnte. Da wird der Sport zur Nebensache. Wir erinnern uns: Die Frau heisst Asima, ist Frau Osim, die Mutter seiner 3 Kinder. Eingangs dieser Geschichte vor dem Lokal suchte sie einen Parkschein für den grauen Dienstmercedes für den Mann, den sie »Svabo« nannten. Zurück zum Fussball: Das kleine Slowenien hat vergleichsweise nur etwa 1,9 Millionen Einwohner…
»Schaun Sie, da ist es nicht mehr abhängig, welche Kultur/Ökonomie jemand hat. Das wäre zu leicht! Dann wären die Chinesen Weltmeister! Wenn die Amerikaner sich beschäftigen mit Fussball, können sie mit ihrer Macht auch Weltmeister sein – aber das geht nicht so! Das kann man nicht komparieren…« – Osim sagt komparieren statt vergleichen – »dass es den Slowenen 2x gelungen ist, sich zu qualifizieren, schaun Sie, das müssen sich die Österreicher fragen!«

Halbzeit: Keine Pause für den Mann, den sie früher »Svabo« nannten: Früher galt Fussball als Sport der Armen, der Unter-Privilegierten. Während der Jugendzeit des Autors dieser Zeilen gab es ausser Baden im Dorfbach keine Vergnügung, die noch dazu gratis gewesen wäre. Fernsehen kam erst viel später. Also musste jeder fussballern. Und gibt es heutzutage noch wo so einen Hoffnungsmarkt, wo die Menschenkinder schon mit einer kostenlosen Vergnügung zufrieden sind?

»Afrika entwickelt sich nicht so schnell – das wissen Sie genauso wie ich. Viele sehen das als Chance, zu kommen nach Europa. Dabei verlieren sie ihre Idole. Ich war oft in Afrika. Die Politik geht in diese Richtung, dass viele junge Leute kommen einfach wegen der kleinen Chance, irgendwann ein Kanu, ein Okocha zu sein. Aber alle können das nicht sein. Prozentual gesehen, ist das sehr sehr niedrig! Das sind die Träume, aber sie können spielen, und sie können davon leben. Nigeria, Kamerun – alle spielen in Europa. Der Fussball dort ist nicht besser geworden. Fussballerisch gefährlich werden können Japan, Korea, China. Die sind morphologisch für Fussball gemacht und sie lernen sehr schnell. Von Kultur – ich will hier niemanden niedrig schätzen – von Kultur her haben die nicht diese mentalen Probleme wie andere…«

Mentale Probleme? Verdirbt Geld den Charakter? »Schauen Sie, wenn man kompariert mit den anderen, sind Österreichs Fussballer nicht so bezahlt.« Aber, sagt Osim, bald muss man etwas wechseln und meint verändern: »Wenn man zuviel redet über Geld, stört das ärmere Leute. Leute, die sind viel ärmer geworden. Da hat man einen Paravent zwischen Spieler und normale Leute. Der kann schnell eine Mauer werden. Das ist gefährlich für Fussball. Denn die Menschen möchten sich identifizieren mit den Spielern. Das kann ein Störfaktor sein, und das Publikum agiert dann anders – gegen die Spieler. Und Fussball ist nur politisches Bild von Land.«

Na also! Alles im Leben kann man anhand Fussball veranschaulichen. Allegorie oder Metapher sagen jene dazu, die für alles Namen haben, die aber niemanden interessieren. Alles, was ich weiss, weiss ich vom Fussball, sagte mal wer, vom dem ich nicht mehr weiss, wer er war und wo er spielte. Dafür wissen einige, dass ein gewisser Stephan Effenberg sich mit einem Tagessatz von 10.958 Euro beim FC Hollywood genannten Verein Bayern München schindet. Vor Kurzem verlautbarte er, dass er 4,8 Millionen Euro pro Jahr als 34jähriger verdiene. In einem Interview für eine Wichs-Zeitschrift meinte er weiter (sinngemäss): Dass in Deutschland die Steuer viel zu hoch sei und – wortgemäss ungemässigt im Interview für den deutschen ›Playboy‹: Arbeitslose würden fürs Nichtstun viel zu viel Geld bekommen! Osim glaubt, dass das eine sehr unglückliche Aussage gewesen ist. Effenberg, mutmasst Osim, würde sich am liebsten dafür entschuldigen, kann es aber nicht mehr, ohne als Opportunist dazustehen. Die Entscheidung, den Verbalgeisterfahrer auf der Ersatzbank zu belassen, verteidigt Osim. »In der Situation Stimmung zu gewinnen, Popularität zu erhalten, hat Hitzfeld (der Trainer von Bayern München, Anm.) ein gutes Gefühl bewiesen und korrekt agiert. Die Reporteure haben profitiert davon, von dieser persönlichen Effenberg-Situation. Er kann denken, was er will – aber sagen? Das war keine Strafe, sondern eher eine Vorsichtsmassnahme. Das muss er verstehen.«

Angriff: Von der Vergangenheit zur Zukunft. Wird schon bald Mc-Donalds gegen Opel spielen, verschwinden die Städtenamen? »Sie sehen, dass praktisch jede Mannschaft hat schon einen Sponsor im Namen. Wenn es geht um soviel Geld, können die das verlangen. In Hamburg hat das Stadion schon den Sponsor-Namen. Die, die haben das meiste Geld, machen am meisten Druck. Es ist schön, dass die Sponsoren da sind, anders kann man nicht leben. Ideal wäre, nur von den Zuschauern zu leben. Okay: Wie viel Zuschauer, soviel Geld – und soviel Qualität. Wenn die Leute sehen: Die bemühen sich, werden sie kommen! Das wäre ideal. Aber Ideale gibt's nix…« Ivica Osim steht für seine Ideale. Er unterstützte das Volksbegehren für den Sozialstaat und betonte, dass der Sozialstaat da beginne, wo man sich fragen muss, wie die Zukunft der Kinder aussieht. Wollen wir vernachlässigte Jugendliche auf der Strasse? Seiner Meinung nach habe hier auch der Sport eine soziale Verantwortung, die er und viele seiner Spieler auch in der Öffentlichkeit wahrnehmen. »Eine ganz normale Aktion. Das muss man leben – das muss man nicht leiden! Man kann immer etwas verbessern. Problem ist, ob wir etwas verbessern wollen – das ist die Frage. Für alle normalen Leute muss das so eine Reaktion sein! Allein leben kann man nicht. Da muss man schon denken: Es gibt andere, die sind ärmer, leben schlechter!«
Und schnell noch die Frage nach der persönlichen Perspektive vor dem Pensionsantrittsalter und schon ist er (fürs Erste) erlöst. »Schauen Sie, Österreich ist für mich zweite Heimat. Ohne mich zu fragen: Was ist erste, was ist zweite? Beide sind für mich selbes Niveau aus verschieden wichtigen Gründen. Ich persönlich hoffe – wenn ich lebe noch eine gewisse Zeit, weil im Fussball weiss man das nie! – dass ich meine letzten Tage ungefähr so nützen kann zwischen Sarajevo und Graz oder Österreich: Um von Zeit zu Zeit herzukommen und Ideen zu wechseln. Und dann runter zu gehen, wo ich habe zuerst Familie und viele Freunde. Man muss komparieren. Schwierig es ist, zu überleben. Wenn man kompariert, muss man zwei Seiten betrachten: Zwischen denen, die etwas haben und denen, die helfen können. Und andere sind zu stolz, um zu sagen, dass sie etwas brauchen.«

Nachspiel: Und letzte Frage: Wie schwierig war dieses Interview nun im Vergleich zu einem Match, schwieriger als ein Derby?
»Muss ich sagen, wenn Sie wollen, dass ich ehrlich bin: Für mich ist es immer schwer. Weil die Leute erwarten: Dass ich sage etwas Besonderes. Das kann ich nicht! Aber zu Fussball muss man gar nix sagen. Genügt, sich anzuschauen! Aber muss ich korrekt sein: Derby ist doch was anderes!« Osim lächelt bubenhaft. Lausbubenhaft. Seitenblicke, Sportredakteure und StationsGesandte von ZiB 3 bis Ö3 warten schon mit polierten Objektiven und vorwitzig gezückten Mikrofonen. Der Mann, den sie dereinst »Svabo« nannten, wird sich dem nicht mehr aussetzen (»nur ein Interview für Obdachlosenzeitung« wollte er geben – aber das geht ja nicht!). Er wird aufstehen und gegen die wilde Mikrofon- & KameraMeute entgegen halten. Bis zum Gang vor den Toiletten wird er den Abwehrkampf liefern. Gegen die Viererketten, bestehend aus Licht/Bild/Ton/Wort. Erfolglos. Alle wollen Signatur, Foto oder Wortspende. Mit harsch vorgetragenen SturmAngriffen.
Nachher im Abgehen und Ausparken des Dienst-Mercedes durch Frau Asima (nach Rückgabe des ausgeborgten Parkscheins an den Schreiber dieser Zeilen) wird der Interviewte, den sie früher »Svabo« nannten, noch sagen: »Von allen vielen Interviews von Tag ist jenes für Sie schwierigstes gewesen.« – Danke, Svabo!*

--Foto in ZEITLUPE & ECHTGRÖSSE

FOTO NEWALD [klickbar für Echtgrösse]:
»Svabo« speist gerne beim Chinesen
– wenn er keine Interviews geben muss. Und zwar: was alle, die dort arbeiten, auch kriegen. Nach Niederlagen wagt er sich oft nicht ausser Haus, sagt er. Und es ist ihm zu glauben!

 


»Ivica Osim – Die Welt ist alles, was der Ball ist« Von Stefan Schennach & Ernst Draxl, mit einem FotoEssay von Robert Newald, Wieser Verlag Klagenfurt/Celovec – um 21 Euro, wobei 1 Euro an die Bewerbung Sarajevos für die Olympischen Winterspiele 2010 geht.

*Danke auch an Stefan Schennach, der das ungestört ermöglichte!
– Danke auch an alle ORFler, die der Ansicht sind: »Jeder kriegt 3 Minuten – und wir immer als Erste!«

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