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BEST OF UNVERÖFFENTLICHT:

Interview & Intervention.
Erleuchtung garantiert

oder 428 Sekunden im Leben von Doris Dörrie.


Text
Karl Weidinger Fotos Karl Schöndorfer

 

Was für Hera Lind der Olymp der deutschen U-Literatur ist für Doris Dörrie das Hochland von Tibet. Die Star-Autorin und Regisseurin von ›Erleuchtung garantiert‹ zeigte sich in den Niederungen Wiens – und leicht genervt.

Ein schwieriges Unterfangen:
d
ie GesprächsVerwicklerei. Mehr als das tägliche Brot, denn für jede gemeinsame Rede gibt es sowohl Wohlfühl- wie auch Killerphrasen, zwischen denen man oszillierend herumtappt (Michael Schumacher, zB., hat es sich zum Gesetz gemacht, bereits zuvor – von jemand anderem – gestellte Fragen kein zweites Mal zu beantworten). Eine Menschentraube umringt Doris Dörrie. Eben hat sie noch aus ›Was machen wir jetzt?‹ vorgelesen. »Der Roman wildert in einem Bereich, in dem sich die gute alte Lindenstrasse und weiss Gott so mancher Kitschbestseller tummeln«, befand die taz. Die Handlung ist vorhersehbar wie ein PR-Auftritt im TV bei Biolek. Eben deswegen, weil ges(ch)ehen am 21. Dezember 1999 um 23 Uhr, wurde der Erscheinungstermin vorgezogen, vors Millennium. Biolek – und seiner vornehmlich weiblichen Sehergemeinde – sei Dank! Die knochentrockene Prosa wird als cinematographisches Schreiben bezeichnet. Dörrie liebt dürre Sätze. Mag es nicht, wenn Sprache sich selbst feiert. Als Fan des narrativen Schreibens schildert sie nur, was erzählt werden muss. Und das so klar & kühl wie möglich. Innerhalb dieses Konzepts versuche sie sehr gezielt, etwas Poesie einzuschmuggeln. Schreiben wäre wie am Schneidetisch sitzen. Dabei gewisse Einstellungen im Kopf, aber nicht um sie zu verfilmen, sondern um sie aufzuschreiben. Als würde sie es durch die Kamera sehen.

Kino im Kopf, also! Zu Beginn ihrer 25-Minuten-Lesung bat sie um Nachsicht. Sie werde ihre Sonnenbrille nicht abnehmen, sagte sie und rückte das Ding zurecht. Alle Fotografen warteten nur noch aufs Hände zum Gesicht führen. Jede wusste, irgendwann würde sie... Ein kühner Fotograf schleuderte ihr dann auch ein schnelles Blitzlicht ins verrückte Antlitz. StarBefindlichkeiten können nicht einfach abgelegt werden wie Sonnebrillen oder das Objektiv einer Kamera. »Wie gefällt es Ihnen hier in Wien?«, ist die erste Seitenblicke-Frage hinter vorgehaltener Kamera. Und Frau Dörrie – auf Geheiss und Honorar ihres Verlages Diogenes von München nach Wien gereist – hat die Frage erwartet. In ihren Werken würde das unter Garantie eine pointierte Replik ergeben. Etwa in der Art von: Ich bin ja nicht zum ersten Mal da in der Nachbarschaft. Es war keine dreistündige Autofahrt wie sonst, nein: es war eine Expedition wie von Livingstone den Sambesi entlang... Stattdessen sagt sie, sie schätze die Stadt Schnitzlers sehr und freue sich, hier sein zu können, blabla.. Nachdem das Kürzest-Statement im Kasten ist, ist auch schon abgedreht. Kameralicht wie auch Frau Dorrie. Ein Assi beschriftet Bänder und wird unschlüssig: »Wie heisst die schnell noch?«, fragt er.

00:00 Stand by, Sound Rolling! Gelegenheit, vorstellig zu werden und um Interview bei der Pressebetreuung anzufragen. Moment noch bitte... Nicht zu forsch und keinesfalls zu wortzahm. Beides ist schlecht. Forsche Fragesteller lösen Unmut aus, weil sie Geheimnisse lüften wollen. Zögerlichkeit erweckt Unwollen, weil lästige Überzeugungsarbeit geleistet werden muss. Eine Vertrags-Unterschrift bedeutet auch einen hungrigen Presse-Mob und eine Vielzahl von PR-Terminen. »Ich glaube, dass man, wenn man sich mit aller Wucht in die volle Katastrophe schmeisst – und das bedeutet das Leben: die volle Katastrophe – dass man belohnt wird, weil man lebendig bleibt. Und es ist ziemlich egal, ob das letztlich Schmerz oder grosse Liebe ist – man bekommt beides. Und wenn man sich davor scheut, sich darauf einzulassen, bekommt man eben gar nichts«, sagte sie früher bei einem dieser Anlässe. Wenn man sich als Journalist nicht voll hinein schmeisst und unbequeme Fragen stellt, bekommt man keine interessanten Antworten. Dazwischen geschaltete Pressedamen versteigen sich nach bemühten Vortäuschungs-Versuchen von Sympathie zu kryptischen Aussagen, die in der Erkenntnis münden: »Kommt ganz darauf an, wie Frau Dörrie aufgelegt ist. Noch ein Tipp: Wenn Sie gefragt werden, sagen Sie lieber 5 statt 10 Minuten.« – Und schon wieder was gelernt!

Frau Dörrie sind es zuviel Leute. Sie überspielt die Gemütsregung, als agiere sie im eigenen Film. Das Gesprächs-Ansinnen wird von der Presselady strategisch plaziert: »Der Herr da von einer Wiener Zeitung möchte ein Statement.« Das ist Understatement in Reinkultur. Aber auch das Stichwort, während das verbarrikadierte Augenpaar der Star-Schreiberin das Gesicht des unbekannten Schreiberlings nach eventuellen Verweigerungs-Gründen absucht. – »Ein INTERVIEW wäre mir zwar lieber, aber ein Gespräch, ein kurzes, tut's auch«, und schnell der Nachsatz abgefeuert, »fünf Minuten...« Ihr Kopf nickt Zustimmung. Unentwegt läuft ein Time-Code wie am Bildrand ab. Das 5-Minuten-Argument hat verfangen. »Zuvor habe ich noch Signierstunde«, sagt sie. Der Geist addiert, Zeitbegriffe flackern imaginär auf. Die Stunde beginnt. Unterschriften(ab)-Leistung. Das Personal drängt vehement darauf, nur gekaufte Bücher zu signieren. Es ist brechend voll, schwül und stickig. Frau Dörrie hebt den Kopf in Richtung Pressedame, deren Ohr sich der Sonnenbrille behutsam nähert. Im Flüsterton wird um ein Glas Wasser gebeten. Das Wasser kommt zu spät, und die Signierstunde geht nach wasserlosen 16,5 Minuten zuende. Achtung (auf die) Aufnahme – Zeit fürs Interview?

00:01 Klappe, die erste! Die Pressedame gewährt in vorauseilendem Gehorsam zuerst einer Kollegin die Gnade. Der Schreiber dieser Zeilen bleibt diskret in Ruf-, aber ausser Hörweite zurück. Wie am Geldschalter einer Bank, um nicht Zeuge etwaiger – ja von was? – zu werden. Frau Dörrie schwenkt ihr Gesichtsfeld ab wie bei einem Dreh und erhebt sich mit jähem Ruck. Sie hätte auch rufen können, wollte dies aber nicht, weil beim Film ja auch nicht mehr geschrieen wird. Sie kommt näher und bittet zum Gespräch, welches auch in einem Aufwaschen abgewickelt werden kann. Frau Dörrie – von der Pressedame als »Frau Dörr-jee« betont – in der Mitte, flankiert von zwei Antwort-Erwartenden in die Zange genommen. »Danke«, hält der MD-Player zuerst eigene Worte fest, die sich mit Rumpel-Kaskaden um bleibenden hörbaren Wert balgen. Aus der fortgesetzten Antwort lässt sich das Gefragte schlussfolgern. »...Also, da gibt es viele verschiedene: sicherlich Schnitzler, Bachmann.« Die nachfolgende Kurzpause wird mit einem suchenden Räuspern überbrückt. Bei besserer Gelegenheit wäre hier schon die halblustige Zwischenfrage nach Ingeborg oder Richard Bachmann (dem Pseudonym von Stephen King) angebracht gewesen. Aber zu diesem Un-Zeitpunkt wäre die Unterbrechung zur Störaktion verkommen.

Doris Dörrie findet den Faden zum Anknüpfen: »Wen ich als Teenager sehr bewundert habe, war sicher Dostojewskij. Sicher auch mit ein Grund, warum ich unbedingt selber schreiben wollte. Und dann sehr stark die angloamerikanische Erzähltradition...« (– also doch eher Richard Bachmann alias Stephen King). Die Journalistin daneben schmilzt sichtlich dahin und beeilt sich schleimerisch weiterzufragen: »Sehen Sie sich eher als deutsche Schriftstellerin oder als Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts, weil die Charaktere, die Sie beschreiben, in ihrer Wesensart sehr typisch deutsch sind?« Frau Dörrie widerspricht: »Ne, das glaub' ich nicht. Ich glaube, dass die sich in Lebensumständen befinden, die genauso für hier, für Österreich, gelten. Diese Leute, die ich beschreibe, sind hier ganz genauso und sind auch in Amerika zu finden. Ich versuche dann das besonders Deutsche an ihnen auch zu beschreiben, aber als Typen sind sie allgemeingültig für die Industrienation.«

Genug geschwiegen! Die Frage nach Einmischung wird mit einem »aber bitte« bejaht. Sogleich geht es los mit Vollgas, Bezug nehmend auf zuvor in der Lesung Gehörtes: »Kein Wunder, wenn man mit den Kindern zu McDonalds frühstücken geht, dass sie dann mit 16 mit einem Lama in ein buddhistisches Kloster abhauen wollen!« Das ist der vereinfachte Plot des neuen Bestsellers, der sich 21 Wochen in den Büchercharts hielt. Frau Dörrie wendet ihren Kopf in Slow Motion wie auf einem Kamera-Stativ: »Das seh' ich eigentlich nicht in einer Verbindung.« (Die Abneigung gegen jedwegliches Hinterfragen ist zum Greifen.) Und das erfordert ein persönlich bekanntes Beispiel: »Ein Jungendlicher aus meinem Freundeskreis bekam von seiner Mutter immer nur Hardrock in Deep-Purple-Form verabreicht und hört – nunmehr erwachsen – ausschliesslich Roger Whittaker. In derselben Intensität. Weil es seine Mutter zum Auszucken bringt, ergodessen könnte also Rebellion auch was Natürliches sein?« Frau Dörrie seufzt: »Das ist wohl immer so! Aber ob jetzt das Gegenteil von McDonalds der tibetanische Lama ist...« – Pause zum Soufflieren: Als Symbol gegen die Industrienation? »Ahso, kann schon sein. Sicherlich. Aber er (der männliche Icherzähler im Buch, Anm.) ist ja nicht unbedingt McDonalds-Vertreter, sondern eher Epigone der 68er-Generation.«

Ein Pressegespräch ist keine Unterhaltung.
Eher ein Interessen-Austausch: Öffentlichkeit gegen Zeilenhonorar. Weiter geht's im Fragenkatalog. »33,3 Prozent«, kommt die Antwort auf die Wieviel-ist-denn-autobiografisch-Frage wie aus der Pistole geschossen. Sicher oft gestellt, wegen der zehnjährigen Tochter Carla, die Frau Dörrie mit ihrem an Krebs verstorbenen Kameramann und Lebensgefährten Helge Weindler ins Leben gesetzt hat und nun allein erzieht. Die Nachfrage nach einer eventuell ähnlichen Familienproblematik wird energisch verneint. Den Filmstudenten an der Münchner Filmhochschule bleut sie ein: Immer Freiraum lassen aus Selbstschutz.

Frau Dörrie wirkt angespannt, wird aber ihre Verpflichtungen unter Garantie einhalten. Erfahrene Schreiberlinge wissen: Wenn Stars nicht mehr wollen, bekunden sie dies in Null-Antworten und beredtem Schweigen, das früher völlig unverwertbar war, inzwischen aber zur eigenen Qualität im Häppchenjournalismus verkommen ist. Stars verdanken den Rummel um ihre Person dem Rummel um ihre Person. »Sie werden oft als wichtigste Vertreterin und Stimme der Frauenliteratur genannt, stört Sie das nicht?« Um es abzuschwächen und nicht etwa als eigene Meinung dastehen zu lassen, kommt noch ein: »Obwohl ich ja finde, dass es weder Frauenfilme noch Frauenliteratur gibt.« Und schon ist man gefangen im eigenen Netz.– »Na, da haben Sie es ja schon beantwortet«, sagt Frau Dörrie schnippisch und wartet ab. Und nun wirds gleich gar zu besserwisserisch: »Ethan Hawke sagte zu mir beim Dreh zu ›Before Sunrise‹ in Wien: ›I don't care about that man- & woman-shit at all‹«. Eisiges Schweigen. Das war jetzt aber unpassend, eine Killerphrase, die das Gespräch scheitern lassen könnte, respektlos und anmassend, weil es als ein Werturteil aufgefasst werden könnte. Hilfe und/oder Befreiung suchende Blicke zur Kollegin auf der anderen Flanke. Die jedoch schweigt beflissen – peinlich berührt wegen der mangelnden Unterwürfigkeit – und schreibt in ihrem Notizheft wie bei einer Schularbeit. Jetzt ist Beschwichtigung angesagt, sonst ist das Interview gelaufen. Auf dem Display des Aufnahmegeräts blinkt die abgerungene, hart erkämpfte Zeit wie die Gewinnanzeige von Spielpunkten in einer vertrottelten Gameshow.

04:35 – Zurück auf Anfang.
Die Dramaturgie des Gesprächs verlangt nach Einsicht: »...anstrengend?« Die Bestätigung kommt als lang gezogen ausgeatmetes »Jaaa« herüber. – »Man bekommt direkt ein schlechtes Gewissen, so zu fragen.« – Ein taxierender Blick. »Ne, brauchen Sie nicht zu haben.« Die Stimme klingt fragil. 100 Prozent gelogen, reine Höflichkeit. Falls es der Regisseurin zu bunt wird, kann sie abbrechen wie bei einer geschmissenen Szene, bei der ein Flieger tönt oder ein Komparse in die Kamera glotzt. Schön wäre es, für eine Mode-Zeitschrift zu berichten. Dann könnte man sich über das Outfit hermachen, den schwarzen Look mit den hellblauen Turnschuhen als Kontrapunkt beschreiben. In Dörries Kurzgeschichten fällt auf, dass sie sehr genau beobachtet. Die Spannung entsteht durch den Balance-Akt zwischen Anteilnahme und Demaskierung. Es gelingt ihr gut, das Negative und Harte mit dem nächsten Satz wieder einzufangen, es umzudrehen. Das geht ihr leicht und flott von der Hand. Zwischen den Zeilen spürt man einen schnaubend schnaufenden Ochsenknecht oder einen überbordenden überflüssigen Lauterbach.

»Wenn man im Film mal jemand blöd findet oder gar ekelhaft, ist es sehr schwer, für diese Figur wieder andere Gefühle zu erzeugen. Der Film mag die Ambivalenz nicht so gerne«, erklärt sie. Die Prosa hat für sie den Vorteil, dass sie nicht bei jedem Satz nachdenken muss, was er kostet. Die Kollegin auf der anderen Seite erhört die nonverbalen Hilferufe: »Und äh als Sie äh diesen Roman geschrieben haben, äh war da für Sie schon klar, dass Sie äh in diese männliche Erzählerrolle hineingehen äh oder hat sich äh das erst im Laufe des Schreibens äh ergeben?«

O Gott oder äh Buddha, denkt man sich da still leidend, bevor Dörrie antwortet: »Nö, das war von Anfang an mein Plan.« – »Gab es äh Überraschungen: äh Hoppla ich fang äh auf eine andere Art äh an zu denken?« Und ganz egal wie banal/trivial: das war jetzt eine satte Wohlfühlfrage –: »Nö, weil es ja nicht das erste Mal war. Das habe ich ja schon ein bisschen geübt.« Der zerbrechliche Ton, der jede Konfrontation mit irgendwas und jegliche Auseinander-Setzung mit dem Thema hintanstellen sollte, weicht nun einer Souveränität: »Es gibt viele Kurzgeschichten, die ich aus männlicher Perspektive geschrieben habe.« Und das Band wie ein Volkswagen: es läuft und läuft und läuft: 05:20... 05:21...

05:22... 05:23... »Gibt es eigentlich etwas, das Sie im Lauf Ihrer Arbeit gelernt haben, wovon Sie sich denken: Das hätte ich gerne am Anfang gewusst?« – »Nö, da fällt mir nichts ein. Das ist ein Prozess und der geht oft verschlungene Wege. Das ist der Prozess der Entwicklung, den man gehen muss. Man kann nichts überspringen, weil es praktischer wäre!« Die Nachfrage: »Und in welche Richtung sind Sie jetzt unterwegs?« erhofft sich Schlüssiges aus der Welt des Zen. »Ich mache mir da nicht soviel Gedanken darüber! Ich versuche das nicht so ständig von aussen zu sehen! Ich erzähle das, was mich am meisten interessiert!«, beschleunigt die Star-Autorin das Tempo und bringt gekonnt die Dimension des herauf dräuenden Schlusssatzes ein. Das Gesagte, zuvor noch jeweils mit einer Verneinung begonnen, hat nun bereits Rufzeichen am Ende. Die Sonnenbrille fragt stumm vorwurfsvoll, ob es nicht schon genug wäre. Noch ein Bisschen: Muss noch geklärt werden, ob sie nie Wunsch oder Drang verspürte, für den amerikanischen Raum zu filmen oder zu publizieren? »Nö, meine Sprache ist Deutsch und deswegen schreibe ich auch auf Deutsch! Deshalb bin ich sicher auch an den deutschsprachigen Raum gebunden! Aber das ist sicher auch okay!«

Das Gespräch wie auf einer schiefen Ebene geht zur Neige: »Noch was Provokantes, was finden Sie denn schlimmer: den deutschen Film oder die deutsche Popliteratur?« – »Ach, das ist sehr gemischt alles! Aber es ist gefährlich, das eine jetzt total blöd zu finden und das andere... Ich glaube, man muss immer neugierig bleiben und gucken: Was entsteht da! Ist da was dabei, was Neues oder was sich entwickelt, was zuerst mal ein bisschen doof ist, aber als Provokation nötig ist!« Sie zählt im Kopf bis 3. Eine vor schnellende Hand signalisiert das Gesprächsende. Die Star-Autorin entfernt sich dankend. Die Pressedame nähert sich mit einem eingepackten Exemplar von ›Was machen wir jetzt?‹ und reisst es hastig auf: »Wenn Sie sich beeilen, kann es Ihnen Frau Dörr-jee noch signieren!« – Ach herrje! Das Band zeigt fest gehaltene knappe 7 Minuten. Der letzte Part ist wieder die eigene Stimme: »Sowas würde mir nie im Traum einfallen, ich habe zuviel Respekt vor Autoren und noch nie ein Buch signieren lassen!«

 


Zur Person: Die Filmregisseurin & Autorin Doris Dörrie wird am 26. Mai 1955 in Hannover geboren, studiert von 1973 bis 75 in den USA und absolviert die Münchner Filmhochschule. Ihre Beziehungsklamotte ›Männer‹ wird mit mehr als 5 Millionen Ticketkäufern ein Sensationserfolg und markiert den Beginn der ›deutschen Komödie‹. Es ist die Geschichte zweier unterschiedlicher Männer (Uwe Ochsenknecht und Heiner Lauterbach), die unwissentlich um dieselbe Frau buhlen und sich im Laufe der Zeit anfreunden. Sodann gehts Schlag auf Schlag: ›Geld‹ (1989), ›Happy Birthday, Türke!‹ (1991) und ›Keiner liebt mich‹ (1994). Neben ihrer Tätigkeit als halblustige Filmerin veröffentlicht Dörrie auch Erzählbändchen und Bücher, die fast immer in Beziehungskisten wühlen und den Geschlechter-Schwachsinn lohnbringend zu Gewinn machen.

 

Nie zuviel von sich hergeben.
Es gibt Tricks sich zu schützen. Dadurch kann man nicht verletzt werden. Es ist eine gefährliche Situation sich zu veröffentlichen! ›Augenblicke‹ nannte sie ihre 60-minütige Doku, den sie vor ›Bin ich schön?‹ drehte. Ein Zwischenfilm über eine Zwischenzeit. Ein Rückblick auf die Trauer um ihren Mann und den langsamen Beginn des Lebens danach. Wenn ihre Stimme aus dem Off berührend distanziert die Freundlichkeit des spanischen Krankenhauspersonals beschreibt, dann ist da dieses Gefühl für etwas, was sich nur erzählen lässt, indem man es nicht erzählt. Wenn sie dann wieder die Trost spendende buddhistische Lebenshaltung erläutert (»eine Mandarine essen und an nichts anderes denken«). Dann wirkt sie darin wie die TV-Moderatorin ihres eigenen Lebens, schrieb die Berliner taz. Echtgefühl oder Routinearbeit im Angesicht der drohenden Gefahr, sich zuviel zu veröffentlichen? Beinahe will man sich dafür entschuldigen. Dass man zugeschaut hat. Dass man ihre buddhistischen Bewältigungs-Entwürfe gelesen hat. Oder einfach nur dafür, dass man jetzt blöde Fragen stellt.


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»Sehr geehrter Herr Weidinger!
Ich werde diesen Text auch im Namen von Doris Doerrie ausdruecklich nicht zur Veroeffentlichung autorisieren. Mit freundlichen Gruessen,

Diogenes Verlag – Ruth Geiger, Presseabteilung.«
[Sogar bei der Wiener Zeitung wurde interveniert – eh klar, wie das ausgegeangen ist. Und schon wieder umsonst gearbeitet – nein, diese Erkenntnis ist auch was wert, oder?]

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