TEXT|LIFE of KAWEI •|199– •|95 •|96 •|97 •|98 •|99 •|00 •|2001 •|02 •|03 •|04 •|05 •|06 •|07 •|08 •|09 •|10 •|11 •|2012


BEST OF UNVERÖFFENTLICHT:

Widerstand im Mehlspeisland

Die Sanktionen gegen Österreich sind aufgehoben,
aber der Widerstand bleibt – und wird immer skurriler. Die Spassfraktion erobert
den Widerstand in einer dem Heiterkeitskult gewidmeten Alltagskultur

 

Zuerst: Warum .at das MehlspeisLand ist. Es war ein Dienstag, exakt der 18. April 2000. Und es war kurz vor 17 Uhr, als es eine Torte gab. Und zwar für Hilmar Kabas. Die Freiheitlichen mögen Süsses. Das hat man gesehen, als Jörg Haider seiner Stellvertreterin Heide Schmidt fütterte. Doch ins Gesicht geklatscht bekam diese pickende Süssigkeit der Chef der Wiener FPÖ, Hilmar Kabas, am Viktor-Adler-Markt in Wien 10. Während einer FPÖ-Osterei-Verteilaktion wurde Kabas vom ORF interviewt. Von hinten ging UT (unbekannter Täter), Mitte 20, an den Politiker heran. Dann wurde dem Profi-Politiker statt wie üblich die Hand, die Torte ins wahlwerbende Antlitz gedrückt. Eine Schokoladige, wegen der farblich-ideologischen Nähe. Der Torten-Spender konnte unerkannt entkommen und wurde bis dato trotz bestem Qualitats-Tatvideo des ORF nicht ausgeforscht. Der laut Polizei-Einschätzung eher nicht der Anarcho-Szene zuordenbare Mann geniesst im dicht (und zu ihm) haltenden BekanntenKreis bereits Kultstatus. Sicherlich eine Aktion, die durch mediale Omnipräsenz im Untergrund den Humus für Nachahmungs-Täter bereitet und viele zu kühnen Taten anspornen wird.

Am 27. Mai ging folgendes Raunen durchs Internet: »Während eines privaten Besuches einer Kabarett-Veranstaltung in der Wipplingerstraße 23 wurde Andreas Khol Samstag abend von anwesenden Besucherinnen kurz vor Ende der Veranstaltung mit einer Waldbeeren-Cremetorte mitten ins Gesicht gewürdigt. Es hat ihm nicht geschmeckt. Aber auch uns ist schon lange der Appetit vergangen. Als ideologischer Aufbereiter einer reaktionären Bürgergesellschaft und Mitglied einer Regierungs-Partei, die diese mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln durchsetzen will, zählt Herr Khol zweifellos zu jenem Personenkreis, dessen Recht auf Privatleben wir weder schützen noch respektieren«, hiess es im Original-BekennerInnen-Schreiben, das im Online-Standard veröffentlicht wurde.
Überhaupt im Internet tut sich viel in Sachen geübter Renitenz. Eine kreative Idee samt professioneller Umsetzung ist der Spielsalon O5, wo man Memory spielen kann, bei dem man paarweise Zitate finden (oder nur daran erinnert werden soll). Auch die »Mascherljagd im Bärental« ist erheiternd, wenn auch der Moorhuhnjagd nachempfunden. Zusätzlich gibt es ein weiteres Abenteuerspiel, das da heisst: »Escape from Castle Wolkenstein 2000«. Unter »Haider-Bashing« (Copyright by Othmar Wicke, OTWIC.com) können sich aggressions-bereite User zumindest virtuell abreagieren. Die Widerstandsgeste der in Luxemburg lebenden Ö-Filmemacherin Bady Minck trägt den Titel ›Elektro-Frühstück‹. Auf ihrer Web-Seite gibts »schwer genießbare Nachrichten von Polizei-Übergriffen & Subventions-Kürzungen für Regierungs-Kritiker«. Diese werden mit bekömmlichen Petit Fours in Form von Regierungs-Witzen oder Schüttel-Reimen literarisch verschnitten. »In letzter Zeit häufen sich die pfeffrigen Beilagen«, heißt es in einer aktuellen Lieferung. "Die Paprikaschoten, Salzgurken, Sardellenfilets und der ganz scharfe Senf. Das sind die Festnahmen, die Prügeleien, aber auch die Zensur-Bestrebungen im ORF.«

Die Widerstands-Bäckerei darf bei keiner Demo fehlen. In einem Mehlspeis-Land nur eine Frage der Zeit. Der Aktionsplan ist einfach und knallig: »Der Regierung eine semmeln!« Man beruft sich auf Joseph Beuys, der anno 72 sagte: »Demokratie ist lustig!« und »Widerstand ist süss!« sagt der Bäcker, der donnerstäglich mit Schubkarren die traditionelle Wandertags-Demonstranten & -innen versorgt. »Wir sind überall, wo DemonstrantInnen gegen blau/schwarz hungrig & durstig sind«, sagt der Initiator und muss sich gleich wieder um Geschäft, statt ums Gespräch, kümmern. Das Gebäck im Gepäck seines Handwagens geht weg wie die sprichwörtlichen warmen... Obwohl manches mit griffigen Slogans und ebensolchem Mehl Angebotene etwas altbacken wirkt und vermittels Idiosynkrasien und Verballhornungen besonders antiautoritär daherkommen muss, um in der Subkultur wie eh und je Bestand zu haben & Verbreitung & reissenden Absatz zu finden. Nach dem Motto »Backe(l)n statt Hackeln« gibts wohlfeile »Krisenkipferl«, »Putsch-Krapferl«, »Haider-geh-endlich-in-Oarsch-Golatschen«, »Antimascherl-Muffins«, »Westenthascherl«, »Prinzhormonrollen«, »Ferrero-Walnussschnitten«, »Belastungs-Baguette mit Neoliberal-Liptauer« und so weiter. Neu ist seit Kurzem das erweiterte Angebot, bei dem auch ein guter Schluck Punsch- oder Wunschdenken mit dabei ist: Die Regierung wegsaufen. Ein eigens kreierter »Die-Regierung-geht-mir-auf-die-Eier(Stöcke)-Likör« ist wohlfeil. Da das Demo-Wetter nicht immer ein Vebündeter ist und sich von der schönen Seite zeigt, gibt es den »Regierung-Abführ-Tee« zur Stärkung (mit oder ohne für Österreich typischen Inländer-Rum). Selbst eine »Die-Regierung-ist-nicht-Haltbar-Mich« erfreut sich regen Zuspruchs, denn so eine Donnerstags-Demo ist lang und beschwerlich. Im Internet gibts modische Sticker zum Selberdrucken. Buttons mitt aufgedruckten Sicherheitsnadeln erleben eine Renaissance als Outing-Instrument. Sogar die guten alten Badges werden wieder aus der Mottenkiste geholt. Spitzenreiter am Revers der Speck-Lederjacken bzw am selbstgestrickten Wollpulli ist das durchgestrichene Mascherl des bis zum Gipfel auf Feira nicht darauf verzichtenden wollenden Neo-Kanzlers. Und ward danach nie mehr mit »Krawallmascherl« gesehen. Als peppiges Symbol seiner ungewollten Regentschaft wird es den Krawatten bestückten Kanzler wahrscheinlich überdauern. Abgesehen vom »Volkstanz der anderen Art« mit DJ-LineUp, Widerstands-Hiphop, sowohl auf Deutsch als auch auf Tonträger (in jeder Libro-Filiale um öS 79,-), und dem Widerstands-Frühstück (jeden Sonntag ab 9 Uhr auf dem Ballhausplatz unter dem Motto »Wir frühstücken, bis ihr geht«), gibts seit der fast schon signalhaften unterirdischen »Herangehensweise« zur Angelobung der blau-schwarzen Regierung eine lange Liste unterschiedlichster Aktionen, von denen das wackere Demovolk trotz – oder gerade wegen – Aufhebung der Sanktionen nicht & nicht abweichen will, sondern ganz im Gegenteil immer wieder neue erfindet, wobei der Gag- oder Unterhaltungs-Faktor nicht zu kurz kommt.
Die wöchentliche Donnerstags-Demo ist eine bleibende Einrichtung. Marschiert wird, »bis die schwarz-blaue Regierung geht«. Zu Beginn der Donnerstags-Märsche ging man von einer Lebensdauer von zwei, drei Monaten aus. Nach mehr als einem Jahr gibts keine Chance auf Besserung (auch nach der vom Zaun gebrochenen Neuwahl von 24.11.2002 nicht). Der wöchentliche Protestmarsch habe sich zu einem »Barometer der großen Unzufriedenheit entwickelt«, sagt Veranstalter Kurto Wendt. Zu wenig transportiert würden die politischen Ideen, sagt er. Grundsätzlich ein Problem der außerparlamentarischen Opposition, Und wie es die Rolling Stones ausdrücken würden "mit Curtoisie" – mit Zuneigung einander gewogener Wappen. »If you meet me, show some Curtoisie«, ertönt es von wo her.Und alle, die dabei sind, neigen zu einander und das eint. Hier im Demo-Zug hat man eher ›Sympathy for the Devil‹ als zum Satan in Politik-Gestalt, der gerade eine Verwandlung durchmacht. Früher der Bärentaler J.H., doch mit jeder Demo läuft ihm der kleine »Millimetternich« in der Metternich-Suite am Bundes-Kanzler-Amt den Rang ab. Gerade wieder wurden – zum daran gewöhnen – neue Verschlechterungen beschlossen. Somit finden sich wieder mehr ein. Stichwort Studiengebühren. Wichtig sei, dass immer mindestens 1 000 Menschen zusammen kommen. Ab dieser Marke bestehe dann keine Gefährdung mehr durch die Polizei, sagt der Veranstalter Wendt affirmativ, weil es gerade mal 300 Personen sein könnten, die vom Veranstalter immer höher und der Exekutive geringer (ein)geschätzt werden – ein altes Spiel, nicht nur metaphorisch gesprochen!Checkpoint Austria rief am Krampustag, den 5. Dezember zu Strassen-Blockaden. Der als Protest gegen das Budget deklarierte »Stillstand Österreichs« ist Dienstagfrüh weitgehend ausgeblieben. An ein paar Punkten kam es zu Drängereien zwischen Demonstranten und der Polizei, Verletzte waren nicht zu beklagen. Kritik kam von Wirtschafts-Kammer-Chef Walter Nettig: Pro Stunde »Stehzeit« würde die Verkehrswirtschaft 2,5 Millionen S einbüßen, dazu kämen 50 Millionen S Schaden für Zuspätkommende. Die Kammer drohte mit Schaden-Ersatzklagen. Auch fast schon lustig! Die Zahl der auf 19 Wiener Checkpoints verteilten Aktivisten pendelt von 3500 (Szene-Mann Kurt Wendt), »etwa 1000« (ein Einsatz-Offizier) und »jedenfalls mehr als 500« (General Franz Schnabl).

Exekutive gefährdet. Der Generalinspektor der Wiener Sicherheitswache heisst Franz Schnabl und dessen Tochter soll fleissig mitmarschieren. (Das wird ihm in erster Linie die Schelte der Regierung sowie in weiterer Ferne die Ablösung einbringen.) Die Rolle der Exekutive wird nicht unkritisch gesehen, hat aber auch gute Seiten. Die unpackbaren Rapid-Hooligans wollten einmal den Demozug angreifen und aufmöbeln – gemeinsam mit den Aufwind spürenden Skinhead-Nazis. Doch die vielgeschmähten »Bullen« vereitelten das. Seitdem ist man fast ein Herz & eine Seele. Man kennt sich, respektiert sich auch vielerorts. (Von einer Hochzeit zwischen Exekutive und Demo ist noch immer nichts bekannt.) Das war nicht immer so, wird auch nicht so bleiben. Feindbild sind die Autofahrer und das Argument mit den Steuergeldern ist zum (An)Greifen.Die Lage nach 139 Anti-Regierungs-Demos, allein in Wien (von anderen Orten ist nichts bekannt). Dabei hagelte es 346 Anzeigen und 59 teils schwer verletzte Exekutivbeamte, wobei aber jede Körper-Verletzung eines Beamten in Ausübung seiner Obliegenheiten automatisch einer schweren Körperverletzung gleichkommt, laut Beamten-Dienst-Gesetz. Die Neue Kronenzeitung errechnete angefallene Kosten in der Höhe von 82 Millionen Schilling. Dem gegenüber steht eine Pressemeldung der APA (von 04.09.2000 12 : 23 Uhr), in der – nach einer parlamentarischen Anfrage der Freiheitlichen - Innenministers Ernst Strasser Bilanz zieht: 80 Verletzte (davon 72 Angehörige des öffentlichen Sicherheits-Dienstes) und 797 Sach-Beschädigungen hat es gegeben. Seit dem Antritt der Bundesregierung bis zum Stichtag 19. Juli 2000 habe es in Wien 116 unangemeldete und 14 angemeldete Demonstrationen gegeben. Bei 7 davon sei es zu Ausschreitungen gekommen, »die seitens der Exekutive u.a. die Anwendung von Zwangs-Maßnahmen notwendig machten«, so der Innenminister laut APA. Von den 797 Sachbeschädigungen seien 505 Beschädigungen an Uniform-Sorten & AusrüstungsGegenständen sowie 41 Beschädigungen an Dienst-KFZ. Der Schaden betrage etwa eine halbe Million. Der Personal-Aufwand verschlang 33,1 Millionen ATS für Überstunden. Eine weiter halbe Million musste bisher für Reinigung, Reparatur oder Ersatz beschädigter Ausrüstungs-Gegenstände aufgewandt werden. Der Aufmacher in der auflagenstarken Neuen Kronenzeitung war eine Schlagzeile, die sass – in der Magengrube des gesunden Volks-Empfindens. Exklusiv wurde der Leserschaft vermeldet, dass die Kundgebungs-Teilnehmer vom 19. Feber bei der größten Demo der 2. Republik (seit dem von SOS-Mitmensch initiierten »Lichtermeer«) zwischen 400 und 1 800 Schilling fürs auf die Straße gehen bekommen hätten, und – so stand es zwischen den Zeilen – nur ausschließlich deswegen demonstriert hätten.

Donnerstag ist Demotag: Die solcherart Geschmähten – auch nicht faul – gründen sogleich die »Gewerkschaft der Berufsdemonstranten«. Diese tritt seither für die Aufhebung des »Schuhsohlen-Abnützungs-Selbstbehaltes« ein und ist selbstverständlich auch jederzeit bereit, dafür (wieder) auf die Strasse zu gehen. Selbst wenn die gewerkschaftsbündliche Dach-Organisation namens ÖGB die anerkennende Aufnahme vorerst noch standhaft verweigert. Weitere nur allzu logische Forderungen im Manifest: Strassenbahn-Haltestelle für jeden vor der Haustür, Eintreten gegen das Lohn-Dumping der ehrenamtlichen Demonstranten und natürlich: Gratissonnenschutz wegen erhöhtem Hautkrebsrisiko.
Willkommen im Quatsch- & Comedyclub des Widerstands, den man am ehesten noch am ausgesparten Binnen»Innen« erkennen kann. Zwar kein 100&iger Gradmesser, aber ein zuverlässiger Indikator, wo die Spass-Fraktion am Werk ist. Die Unterscheidung, ob aufrichtiges Widerstand-Zeigen der als »Gutmenschen« Verunglimpften oder komödiantisches Trittbrettfahren fällt auf den ersten Blick schwer, da auch durchaus Ernstgemeintes häufig einer gewissen humoresken Grundlage nicht entbehrt.

Demolieder gegen Demolierer: Diverse Gruppen kochen sich ihr eigenes Süppchen, um sich ihr Mütchen an der mittlerweile durch »Weisenbericht« halbwegs weiss gewaschenen Regierung zu kühlen: Zum »FridayNightSkating« im Zeichen des Widerstandes laden die Grünen und erwarten sich wahrscheinlich nicht unbedingt gleich beim ersten Mal, dass sich dadurch die ungeliebte Regierung aus dem Amt skaten lässt. Ansonsten hätte man kaum die nächsten Veranstaltungen gleich mit angekündigt! – Skaten ist überhaupt so eine komische Tätigkeit: Früher, als noch nicht jedermensch anglizistisch »inspired« war, verstand man darunter ein honoriges Kartenspiel, dem Heinz Rühmann mit leuchtendem Antlitz angesichts einer brodelnden Feuerzangen-Bowle frönte.

»katapultieren wir die kaputtnicks mit einem song, den ö3 sicher nicht gerne spielen möchte, in die hitparade, hier ein ausschnitt von ›brief an den bundeskanzler‹, um öS 79,- in jeder libro-filiale, damit widerstand hörbar wird", steht da auf der entsprechenden Website, wo auch Demo-Gewand bei Cloed Baumgartner und Passhüllen mit der in allen EU-Sprachen aufgedrückten Inschrift: »Ich habe unsere Regierung nicht gewählt!« zu bestellen sind. Sogar namhafte, bis dato unpolitisch angehauchte Elektronische DJs, die Werbejingles für Telekomm-Anbieter mixten und Sound-Kulissen für Parteitage (wie immer beim Einmarsch ›The Final Countdown‹ des schwedischen Einhitwunders namens Europe – quer durch alle Parteien, das haben alle gemeinsam) bastelten, sahen sich gewungen, eigens eine Kompilation ihres Könnens als ›Electronic Resistance‹ zu veröffentlichen. Musik & Internet sind die geeigneten Trägermedien für Widerstand. Ein Widerstandsgedicht von Ide Hintze von der unterfinanzierten ›Schule der Dichtung zu Wien‹ sollte mit Blixa Bargeld aufgenommen werden. Nur war das dem Kopf der ›Einstürzenden Neubauten‹ aber doch etwas zu peinlich, weswegen er Zeitnot vorschätzte. Ohne Promi-Unterstützung wurde aus dem Widerstands-Gedicht weniger als ein Sturm im Wasserglas, mehr schon ein Flatus im Forest – oder ein »Schas im Wald«, wie es im tiefsten ur-wienerischen Demo-Slang heissen würde.

Einige Meldungen in O-Ton & Telegrammstil: »Das Ausdrucks-Tanzfestival im WUK steht heuer ganz im Zeichen des Widerstandes.» Der Wiener Kongress zu Metternichs Zeiten, der angeblich auch getanzt haben soll, lässt grüssen! Und es verwundert nicht weiter: Immerhin wurde Robert Schneider »Schlafes Bruder« ja auch schon recht wirksam vom Pfalztheater Kaiserslautern als Ballett vertanzt.

»Montag, 17. April: Die Critical-Mass-Fahrrad-Demo entfiel neuerlich wegen mangelnder Beteiligung. Für den kommenden Ostermontag, dem 24. April, wurde die Fahrraddemo ebenfalls abgesagt. Zumindest einmal soll sie nach Ostern aber noch stattfinden, ehe über die weitere Vorgangsweise entschieden wird. Ob am Montag, den 1. Mai eine Fahrrad-Demo stattfinden wird, ist unklar.« Klar Schiff zum Gefecht gemacht wird aber dann ein paar Widerstands-Wochen später: »Sonnenbaden gegen Blauschwarz (Samstag, 3. Juni): Nachdem nur rund 100 Leute (TATblatt-Zählung) zum Volkstanz-Termin auf den Ballhausplatz gekommen waren, wurde auf eine Demo diesmal verzichtet. Dafür gab es Volkstanz-Sound-Berieselung von der einen Seite und – zumindest bis kurz vor 16 Uhr – Marschmusik-Berieselung anlässlich des Tages der Blasmusik von der anderen. Zwischenfälle gab es keine. Schattenplätze aber waren rar«, berichtete das anarchistisch subversive TATblatt mit Zenteralorgan-Status.
Bereits über 266 Links zu Aktionen sind auf eigener Site im Rahmen eines Webrings angeführt und aufgelistet werden. Zumindest ist Widerstand richtig geschrieben, denn es wurden auch schon Seiten gesichtet, auf denen vom »Wiederstand« die Rede & Schreibe war. Vernetzt zum eingangs erwähnten Volkstanz gibt es auch den Wettbewerb für Demo-Lieder, wo die kuriosesten Musikstücke zum Reinstellen und Downloaden sind. Eine Aktion der »KünstlerInnen in Bewegung«, die auch darauf abzielt, mit gruppen-dynamischen Aktivitäten Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen und die schwarzen Schafe vom Schwarzen Block von imagemäßig desaströsen Randa- und Vandalieren abzuhalten.

»Am Abend führten Feministinnen eine Aktion in U-Bahn-Zügen durch, wobei Texte vorgelesen, Flugis verteilt und mit Fahrgästinnen diskutiert wurde«, heisst es darüber im Info-Dienst. Eine Frage drängt sich auf: Blieben männliche Gästerer unbehelligt? Weitere Frauen-Demos veranstalten die ›Ceiberweiber‹, eine Internet-Vereinigung & Plattform feministischer Interessen, die auch widerstandstaugliche Bildschirmschoner anbieten.Der Farbkreis-Braunau formierte sich, um ein Fest mit humanistischem Hintergrund am 27.5. am Treffpunkt Filzmoserwiese zu veranstalten, wo unter anderem Cpt. Boycott (Ska-Punk aus Linz), Egotrip (experimentelle One-Man-Gitarrenshow) und DJ Bärental/Wien auftreten und für die richtige Stimmung in Hitlers Geburtsort sorgten. Im Flugblatt wird eher gesellschafts- denn regierungskritisch verlautbart: »Unser Vorhaben ist es, den Menschen die Vielfältigkeit dieser Gesellschaft zu zeigen. Speziell der Jugend wollen wir Alternativen zu einfachen, populistischen und realitätsfremden Denkansätzen aufzeigen: Zuwanderungsstop heißt zum Beispiel nicht automatisch Arbeitsplatzsicherung. Gegen derartige einfache Antworten auf komplizierte gesellschaftspolitische Gegebenheiten treten wir auf. Vereinfachte Darstellungen von Zusammenhängen in Zeitungen, kommerzielle Radiosendungen ohne wirklichen Bildungsauftrag und reinem Unterhaltungsprogramm, sinnentleertes Konsumentendasein ohne Selbstreflexion – das führt zu Frustration und Gewalt. Ausgehend von dieser Idee wollen wir eine mobile Bühne mit elektrisch verstärkter Anlage durch die schöne Stadt Braunau am Inn schicken, die am Stadtplatz für unterschiedlichste gesellschaftspolitisch aktive Vereine, NGOs, MedienvertreterInnen und Kunstschaffende zur Verfügung stehen wird. Auch dem ›kleinen Mann/Frau von der Straße‹ soll die Möglichkeit der Ansprache und Diskussion geboten werden – PolitikerInnen ausgenommen.« Und das ist eigentlich wieder einmal diskriminierend, oder ...Demonstration und Demokratie haben einen Wortstamm.

Und überall wo Menschen sind, ist Hader/Zwist/Streit nicht weit. Beispiel 12. Februar: J. Potakwskyj schrieb sich seinen Frust in der »Anarchy« des Onlineforums BlackBox (wo auch der Grundstein zum Erfolg für den Bestseller ›Wickie Slime & Paiper‹ gelegt wurde) von der Seele. »Man ist sich voll bewusst, das die Katholische Jugend einen Block in der Demonstration gegen die Regierung bildet. Was tut man? Man spielt die politische Unerfahrenheit dieser Menschen aus und marschiert schnurstracks zum Monument des ›Heiligen Otto Hofner‹ im Karl-Marx-Hof. - Prompt gibt auch am nächsten Tag gleich Reden von zwei Bischöfen, dass die Widerstands-Demonstrationen von der Katholischen Kirche nicht mehr unterstützt würden. - Wie wird darauf reagiert? Ein paar Links-Extreme deklarieren auf persönliche Anfrage gleich, dass sie an solchen Menschen ohnehin nicht interessiert wären. Der Widerstand sei ja ihre eigene Sache und die Masse könne ihnen gestohlen bleiben.«

Denn Donnerstag ist Demotag! Und das jeden Donnersduck!

Doch man hätte auch verlautbaren können, dass seit 1934 das erste Mal eine Versöhnung mit der Arbeiterbewegung zu Stande gekommen wäre und man diese Geste voll anerkenne, dass auch christliche Gruppen diesen Tag im Sinne eines Widerstandes gegen eine faschistische Partei in der Regierung gemeinsam mit den Arbeitern gefeiert hätten. Gut ausformuliert und weiter diskutiert hätte das ein wahrer Beitrag zur Spaltung der Volkspartei werden können. Eine weiterer Punkt war dabei die Organisiertheit der Demo-Spitzen. Um diese Funktion an sich zu reissen, hat eine kleine politische Gruppe von der »Unorganisiertheit« der Demo profitiert, indem sie sich einfach an die Spitze stellte. Nach länger anhaltenden Protesten vieler Demonstranten haben sich ein paar linke Gruppen geeinigt, nun untereinander abwechselnd die Demo der Regierungs-Gegner anzuführen. Und wo bleiben die gemeinsamen Manifeste und Deklarationen. Gar auf der Strasse?
Irgendwer sagt: »Das Problem dabei ist, dass dieser soziale Bürger ein Sozialfall der politischen Kultur ist. Der wartet ständig, dass jemand anderer seine Ideen formuliert und vertritt. Das ist natürlich die Schwäche, die von durch organisierten kleinen Gruppen benutzt wird – und das gilt sowohl für politische Parteien wie auch für den Widerstand.«

Klassenkämpferisch: »Wenn wir also etwas ändern wollen, dann müssen wir bereit sein, diese Schwelle der politischen Kultur oder Unkultur zu überschreiten und wir dürfen die Demokratie der Mitläufer nicht fürchten. Es sollte unsere Aufgabe sein, sie aufzufordern ihre Wünsche zu formulieren, anstatt hinterher darüber zu nörgeln. Es sollte aber auch unsere Aufgabe sein, die eigene Organisiertheit der politischen Werte dem Gedanken des gemeinsamen Widerstandes hinten anzustellen.« Eh nur solange, bis es aus der Mode gekommen ist, dagegen zu sein.

Titten, Skrotum und echte Gemächte: 11 Künstlerinnen, Mitarbeiterinnen des Senders tiv machen eine Aktion, die Irritation hervorrufen und die Frage provozieren soll, ob es Sexismus ist oder diesen gar fördert. Nach zu geringem Erfolg der Lichterketten und anderer wertloser Bürger-Einsätze haben Theresia Katona und Barbara Seyr ein neues Mittel im Kampf gegen den Rassismus entwickelt: Titten. Auf ihrer Internet-Seite katsey.org demonstrieren die Damen offenherzig und mit aller Macht, was Rassisten Schönes entgeht. Denn solch bitterböse Menschen nehmen sich Katona und Seyr zur Brust beziehungsweise eben nicht. Mit ihrer antirassistischen Aktion setzen die beiden Zeige-Initiatorinnen gemeinsam mit weiteren Busen-Besitzerinnen ein anmutiges Zeichen, das darüber sinnieren lässt, ob es sinnvoll ist, hüllenlos gegen Fremden-Feindlichkeit aufzustehen. Publiziert werden österreichweit aufliegende 400 000 Gratis-Postkarten von Boomerang und Plakate in Wien.

Jedenfalls provozierte diese Aktion das »endgültige« Satire-Magazins ›titanic‹ einen Brief an die Leser: »Ziemlich klasse, Theresia Katona & Barbara Seyr, finden wir Eure Aktion ›Titten gegen Rassismus‹, zu deren Gelingen Ihr Euch mit 9 anderen Frauen auf Eurer Homepage (www.katsey.org) gesellschafts-politisch gut sichtbar, nun ja, in die Brust werft. Auf die Folgeaktionen ›Ärsche gegen Ozonloch‹ und ›Mösen gegen Mörser‹ wartet aber nicht unbedingt: Titanic« »Mit dem Schwanz in der Hand betreiben wir den Widerstand!« Aber will das tatsächlich jemand sehen? Abgesehen davon haben wir als alte Schwanz-, äh: Bedenken-Träger gegen die mammöse Bedrohungs-Aktion eigentlich nur einen Einwand: Könnte es statt »Titten« nicht »Möpse« oder »Nupsies gegen Rassismus« heißen? Nein? Na, dann nicht. ›Skrotum gegen Votum‹ heisst eine andere Aktion. Weiter im Text: »Bitte auf Scanner setzen, diesen aktivieren, danach Bild, so Körperteil vorhanden, als jpeg (320x200) an scr.collect@monochrom.at adressieren. Unsere Regierung soll das mal sehen!«

›scrotum gegen votum‹ wurde mit dem NEBAPOMIC 2000 (network-based political minimalism counteraction award) für die Sub-Kategorie »rechtskonservative europäische kleinstaaten« ausgezeichnet. Francis Preinman, Datenbank Consultant aus Hoboken/NJ und Mitglied der NEBAPOMIC 2000 Jury kommentiert dies folgendermaßen: »scrotum gegen votum is a radically minimal site, it ignores state-of-the art visual web technology and presents a hilarious political massage. sgv is really wonderful.« Das Team freut sich. Denn ›scrotum gegen votum‹ ist eine registrierte Widerstands-Marke. Was fehlt noch? Richtig! Jetzt gibts auch schon ›Ständer im Widerstand!‹ Nach dem Vorbild von ›tiTTen gegen raSSismus‹ sind nun auch Ständer im Einsatz!

»Irritiert? Schockiert? Gut so. Das ist beabsichtigt. Diese Kampagne ist absurd. Rassismus ist absurd. Dennoch wird mit Rassismus wieder Politik gemacht. Dagegen: Widerstand auch unter der Gürtellinie !« Die Petition im Originalwortlaut: »Herr Bundeskanzler Dr. Schüssel! Beenden Sie Ihre Koalition mit der Partei, die ständig Menschen gegeneinander auszuspielen versucht! Beenden Sie Ihre Koalition mit der Partei, die Menschenrechte und Menschenwürde von Herkunft oder Hautfarbe abhängig macht! Beenden Sie Ihre Koalition mit der Partei, die Österreich in die internationale Isolation führt! Dafür STEHEN wir:« Unterzeichnet ist mit einer ansehnlichen Fotogalerie erigierter Gemächte! »Impressum: Der Widerstaender – unabhängige Protest-Bewegung gegen Blauschwarz. Schwänze aller sexueller Ausrichtungen STEHEN gegen diese Regierung. We can't STAND the current Austrian government!« Na, ob das die Regierung überstehen wird... Übrigens demnächst gibts wieder öffentliche Scanner-Termine, für alle die zuhause keinen stehen haben...

 

 

Laut Agence France Presse
kam heuer in den ersten drei Monaten des Jahres der Name Chirac 41 Mal, der Name Putin 121 Mal, aber Jörg Haider 381 Mal in den Schlagzeilen vor.

 

 

 

 

 

 

 

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Webring gegen Blau-Schwarz sowie www.wienerfotografie.at

Unveröffentlicht von: Die Zeit.
(Mia Eidlhuber – sehr interessiert, aber auch sehr schwanger – wollte sich nach der Niederkunft wieder rühren, tja...) Wäre in Österreich zwar möglicher Weise sogar verkaufbar – aber auch vereinnahmbar. Also lieber gelassen geblieben – und es bleiben gelassen (sagt der Fuchs zu den Trauben)!
Übrigens: Auch dafür wurde diese Website gemacht

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