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BEST OF UNVERÖFFENTLICHT:

Vera's Gastlichkeit:

Wie ein Reh im Scheinwerferlicht.

Irgendwann muss man einen Baum gepflanzt, ein Kind gezeugt und ein Buch geschrieben haben.
Und auch wem einen Baum aufstellen, ein Buch darüber schreiben und in eine Talkshow gehen.
Auf Veras Couch verpflanzte sich Karl Weidinger.

 

Zum Thema wie »Mein Chef ist ein Arschloch« hat niemand von den Hof-Bauern oder der ORFischen Küniglbergseite was zu sagen (oder darf es nicht). Also braucht die Sendung ›Vera‹ einen »normalen« Menschen, der die Frustration über seine Ration Frust bezüglich eines unmenschlichen Chefs vermittelt. Das Redaktions-Gespann Wolfgang Höllriegl und Thomas Pertl wechselte bei Zeiten vom ›Wiener‹ weg. Übersiedelte vor Jahren von Kloburg auf den Küniglberg. Die wohlverdienten Schillinge/Euros kommen nun von ›HofPower‹ (Wortspiel zum Gatten Petzi Hofbauer).

Thomas Pertl, Aufdecker des Matura-Skandals um gekaufte Zeugnisse, erinnerte sich an eine Buch-Rezension im ›Wiener‹ 5/94 »Saures für den Postfuch«. Auf Seite 20 stand: »So bleibt der Autor dennoch moderat bei Empfehlungen an frühere Vorgesetzte, schließlich lecken die ja Briefmarken auch!«

Die Erinnerung kommt zur rechten Zeit, passt gut ins Sende-Konzept für einen Beitrag, der dann abgemildert »Mein Chef ist die Hölle« heissen wird. Informatives Treffen, um die Lage auf dem Feld der Berufsehre zu sondieren. In der Bäckerei Schwarz in Hietzing am 29. 11. um 15 Uhr. Man ist gleich per Du und sich einig – unter Autoren. Worum es geht. Der Tauschhandel kann steigen. Aufmerksamkeit gegen Betroffenheit. TV gegen PR. Dichte gegen Breite, also Dichterei gegen Breitenwirkung. Kurz: Schicksal gegen Quote. Besiegelt wird per Handschlag, Kaffee und Bier. TV-Gewäsch: Eine Hand wäscht die andere!

Sogleich wird ein Gerüst mit Fragen & Antworten erstellt. Meister Pertl fungiert als Dramaturg für das Gespräch auf dem orangen Sofa. Der Couch-Coach ist vorsichtig und verhandelt nur vorbehaltlich der Zustimmung der Redaktion und von Frau Vera, von der er ausgesprochen respektierlich spricht, was in dieser zynischen Branche eher selten ist. Respekt scheint eine wichtige Zutat, um im TV-Kuchen nicht allzuviele Brösel aber viele Rosinen abzukriegen.

3 Mails und 2 Anrufe später ist fast alles gebongt. Nicht ganz! Das Gerüst steht, jedoch wärs besser, wenn man »aktueller« bliebe. Also sollte Gast verschweigen, dass seine Postzeit von 1980 bis 1989 dauerte. Die neun Jahre sind okay und kein Problem. Auch passe es nicht so gut, wenn der Hauptkonflikt des Buches – der Kampf gegen die Postgewerkschaft – zu sehr ausgebreitet würde. Also könnte Gast, wenn er seine Aussagen auf seinen persönlichen Chef, einen Regierungsrat, umlegen würde, in der Sendung auftreten. Aber nur wenn's dahingehend passt. Und wieder vorbehaltlich der Zustimmung von... (siehe oben)

Die Anrufe kriegen fürsorglichen Charakter.
Ein Fahrlehrer kümmert sich ja auch um seine Schützlinge und spielt Prüfungs-Situationen durch. Jeder Schreiberling weiss, dass eine Geschichte erst zur Story wird, wenn sie ins redaktionelle Umfeld passt. Das ist der passende Kram – jene Realität, in der Autoren leben müssen um zu überleben (Und davon ist auch der Schreiber dieser Zeilen nicht ausgenommen! SCHEISSE umsonst geheuchelt!!!!)
Also wird zugestimmt, die servierten Fragebälle abvoliert – wie es erwartet wird. Szenario scheint zu passen. Gast kann vertraut werden. Und jeder Gästling braucht das Gefühl, die Attraktion der Sendung zu sein.

Am Dienstag soll aufgezeichnet werden. Gast wird gebeten, sich zu Mittag im ORF-Zentrum am Küniglberg einzufinden. Portier ist tatsächlich eingeweiht, der richtige Name steht auf der Gästeliste. (Das ist nicht so selbstverständlich, wie es sein sollte.) Zwei Damen sind abkommandiert, eine Redakteurin von HofPower und eine Gäste-Betreuerin. In den nächsten drei Stunden, wird keine davon Gast von der Seite weichen. Während die eine betreuenderweise etwas holt, übernimmt die andere die Sorgfaltspflicht. Sogar vor dem Klo wird gewartet: Gast könnte sich ja verlaufen. Weiters wird jeder Wunsch von den Augen abgelesen: Gast könnte die Begehrlichkeit entwickeln, sich zu besaufen – und das müsse tunlichst vermieden werden.

Die Betreuung ist lückenlos, hat den Charakter einer Stürmer-Deckung im Fussballmatch. Wahrscheinlich heisst der Betreuungsjob intern auch »Gästemeister«. Die meisten ORF-Jobs haben das Anhängsel »Meister« im Titel. Zuallererst wird Gast zum Schminkmeister geführt. Im Hintergrund wütet ein Fernseher. Wahrscheinlich ist dieser Schminkraum für ORF2 reserviert, weil zufällig auch Eugen Freund von der ZiB 2 seine schnupfen-rote Nase zum Restaurieren vorbeiträgt.

SpiegelTV: In der Spiegelwand kann man Fernsehen verfolgen. In ›BillaTV‹ versuchen sich Alois Mattersberger und Sabine Petzl im Meisterkochen, obwohl als Titel ›Frisch gekocht ist halb gewonnen‹ eingeblendet wird. Danach gehts zum Gewandmeister und schließlich zum Tonmeister, der Gast mit Funkmikro am Revers verkabelt. Nach einer weiteren Runde, die vom Buffet vor dem Studio zum Regieplatz in einem hinteren Teil führt, geht es endlich auf eine Lichtung neben Maske und Requisite, wo auf die offizielle Gäste-Begrüßung von Frau Vera gewartet wird. Sobald alle versammelt sind, erscheint die Bienenkönigin mit heftigem Flügelschlag, und in der Gästeschar beginnt ein Summen. Vera schwirrt im Auftrittsgewand, honig-süss geschminkt und in allen Facetten sendefertig von Gast zu Gast. Man merkt dem ehemaligen Tritsch-Tratsch-Girl die emsige Aufgedrehtheit bereits an. Aber man merkt auch, wie professionell Vera die Inseln jener Gäste umschifft, die Sorgen klagen oder Komplimente heischen wollen.

In einer Sprachbucht gerät sie an den einzigen Promi, zu dem sie fast schon hin tigert. Fotolöwe und Interviewer drehen augenblicklich das Ö3-Steiermark-Gespräch ab. Obwohl gerade gefragt wurde, wann »ihr Robert Hartlauer« denn während der Weihnachten wieder in der grünen Mark zu weilen gedenke. Hartlauer schiesst ein Digitalfoto aus der Hüfte und Vera Nazionale streckt ihre Fühler aus, um zu par(l)ieren: »Wo ham S' denn die Kamera daher, vom Niedermeier?« Den steirischen Kollegen hat sie entweder schon vorher gegrüsst oder durch Nichtbeachtung gestraft. Wie macht das der Russwurm, äh Niedermeyer, so in unser aller Wahrnehmung zu sein, denkt sich Gast.

Bald kann es losgehen. Anastacia nimmt Aufstellung und mimt einen Durchlauf. Zweimal Playback für die Kamera-Choreografie. Dann werden die Gäste nach der Stellprobe wieder rausgeschleust und das Publikum ins stickig-rauchige Studio gelassen. Die Luft ist zum Schneiden. Kann auch sein, dass dies nur wegen der grellen Spots so empfunden wird.
Schnitt, ruft der Aufnahmeleiter, Aufzeichnung beginnt.

»Bitte nur Betroffenheit, und das Ganze ja nicht ins Lächerliche ziehen«, ist eine schnell noch in Erinnerung gerufene Regie-Anweisung des Redaktions-Söldners. Publikum macht, was nur es kann: Es trudelt ein. Thomas Pertl erfüllt seinen Part als Anheizer. Klärt auf, wie nicht in die Kamera geschaut werden darf, wie Handies abgedreht werden und wie richtig heftig Beifall bekundet wird. Und dann ertönt das Intro. Probe-Appläuse machen Platz für ernstgemeinte. Vera tritt auf und rattert wie ein Maschinengewehr ihre Eröffnung runter. Gast steht bereit in der Box. Eine Kamera hat Gast schon im Visier. Oder ist es doch ein Maschinengewehr? Gast besieht sich von oben bis unten im Monitor. Hat sein schönstes Wams um den Wanst geschnürt, auf dem sich ein abenteuerlich-rustikales Muhwetzi-Motiv weidet. Zur Not könnte Gast auch als 102. Dalmatiner durchgehen, wenn er nicht sein Buch in der linken Pfoten hätte...

Gast wartet, dass ein gut versteckter Redaktions-Aspirant namens Oliver die Boxentür mit dem Vera-Schriftzug händisch auf- und zuzieht. Und dann stürmt Gast in die Deko, auf den Set, ins Studio. Mit einem Kampfgrinsen, das Viktor Klima vor Neid erblassen ließe. Menschen, die Gast überhaupt nicht kennen, klatschen Beifall. Als wäre das Ganze eine Weihnachtsfeier. Als wäre Gast der Frank Stronach mit 5 Fussballlegionären und 3 Interrimstrainern im Handgepäck. Und die Bienen-Königin namens Vera fährt ihren rechten Arm wie einen Stachel aus und brummt ein »Herzlich Willkommen bei Vera«. Und dann flattert sie um den Gast herum, um dann etwas weniger höflich, aber mit deutlich mehr (Hof)Power, brabbelnd zuzustechen: »Und gleich nochmal – aber jetzt ohne ihr Buch.«

Was?! Nun, das wäre so ausgemacht gewesen, weil Gast sonst nicht ins TV gegangen wäre. Auf der Couch sitzen könne Gast daheim genauso gut. Und dabei würde niemand so komisch glotzen. Aber Gast wird sich fügen und jetzt sicher nicht mehr erbost abdampfen. Nun kommt Gast sich vor wie ein Reh im Scheinwerferlicht. 3 Aufnahmegeräte (plus Handkamera und eine für die Totale), alle Spots und das ganze Studio warten. Also reicht er sein Buch dem gut versteckten Oliver zum Lesen für Zwischendurch. Falls keine Gäste durch die Tür mit dem Vera-Schriftzug wollen und 3 Meter daneben im Niemandsland der von den Kameras nicht erfassten Zone passieren. Zum Trotz starrt Gast während des gesamten Interviews aufs 3mm dick überschminkte Muttermal der Chefin und redet um sein nur noch zu erduldendes Gast-Leben. Als erstes muss man sich mit dem Wasserglas stärken. Ist wirklich nur Wasser, das pro Gast nachgefüllt wird. In der dekorativen Schale ist Sand eingefüllt, sicher nichts zum Knabbern. Es sei denn man will die beiden Muscheln anknabbern, die halb im Sand vergraben sind. Von einem Glaswechsel bekam Gast nichts mit. Aber ausgespült und abgewischt wird sicher und gewissenhaft.

Die Grinsekatze »ihr Robert Hartlauer« ist danach auf Sendung: Er sage genau, was er wolle und fordere das dann aber auch ganz klar ein. – Ganz klar hat er vorher gesagt, dass er Gast live fotografieren und die Bilder auf CD-Paris oder CD-Rom (so genau weiss Gast das nicht mehr) brennen und in Hartlauer-Qualität entwickeln und ausarbeiten und mailen wolle. Während der Aufzeichnung vergisst Hartlauer natürlich aufs Fotografieren, ganz klar. Auch wenn es Gast nicht einfordert, sagt Hartlauer dann doch ganz klar, dass er nicht blitzen konnte (obwohl es sich um ein professionell ausgeleuchtetes Studio handelt). Geschnitten wurde Hartlauers Handschlag-Qualität und, dass er immer zu seinem Wort stehe. usw. usf.. Mit anderen Worten: Ein richtiger Chef halt!

Doch: Halt! Vera bremst Gast seidenweich ein wie mit ABS. Hier im TV-Ring gibt es nur einen Chef. Und der ist weiblich und bestimmt, was läuft. Nach jeder Unterbrechung ihrerseits schwenkt sie vom Gesprächspartner, dem Statisten, sofort wieder in Richtung ihrer Kamera. Dann beginnt sie mit einem »Gut, wieder zurück«. Dadurch lässt sich alles leicht und schnell (und jedem Gast das Wort ab)schneiden. Das zuzwinkernde Kamera-Rotlicht flirtet unentwegt mit der Moderatorin, die ihr Hand- und Mundwerk ausgezeichnet versteht. Das Zeitkorsett ist gnadenlos und nimmt sich jedem Schicksal für 7 Minuten an. Ein tiefer Blick und ein warmer Händedruck beenden den Gast-Auftritt für die Kamera. Der Aufnahmeleiter erstarrt in einer Geste, die Verharren signalisiert. Erst nachdem Vera im handgeschriebenen Schmierer unter der Lade wie bei einer Schularbeit nachgesehen hat, darf Gast gehen. Dem Oliver will Gast das mit dem durch die Türe gehen nicht mehr antun. Der Torwart der Vera-Mannschaft hat zwar sonst keine ersichtliche Aufgabe, aber es ist einfacher, seitlich abzugehen.

Ganz unspektakulär. Vera verabschiedet abermals mit einem warmen Händedruck. In der Kulisse und nun ohne bedrohlich nachjagende, rot aufleuchtende Einfanggeräte. Das finale Shakehand ist das 5. gezählte und auch etwas wie ein Fingerzeig: »Wenn ich Sie je wiedersehe, glauben Sie nur ja nicht, dass ich Sie dann erkennen werde!« Das Publikum klatscht und jubelt außertourlich, fast wie beim Kinder-Geburtstag. Immerhin kennt es Gast nun fast schon ein bisschen. Und wie meinte der Vorwortschreiber von Gasts doch nicht präsentiert haben dürfenden Buch: »Für VERA gilt, was für NEWS gilt: Wer sich dorthin begibt, kommt darin um. – Ihr Herbert Hufnagl.«

 

 

 

PS: Interessant die 40 Sekunden vorm Losgehen: Hartlauer spricht über die Concorde: Vor Kurzem flog/schlief/speiste er darin. Redaktrice mit Doppel-Namen (Zimmermann-Steiner) redet wie auf Textasy über den Taubenkobel im burgenländischen Schützen. Vor Kurzem speiste/schlief und fuhr sie darauf ab. Gast könnte auch über diesen Haubenkobel mitreden. Vor Längerem flog er auch wie mit der Conocorde fast raus von dort.

Höllriegl wäre nicht nur ein guter TalkshowGast, doch er ist kein Arschloch und spricht nicht von seinem bevor stehenden Konkurs: Dafür kurze Diskussion wegen des Inserts: »Jojo, wir ham eh Platz für 17« Dann schreibt Gast dem Zockauge auf, was er gerne haben möchte, dafür isser ja da (har-har!!!): Doch dazu Höllriegl: »Kennen S die Theorie, dass die Schrift eines Menschen alles über sein Verhalten im Bett aussagt...«

Selten so was Debiles gehört – und gesagt: »Des muass do in der Sendung gwesen sein! Und was sagt mei Schrift?« – »Nojo, i bin neidig!« (Wegen der Konkurs-Unfähigkeit?) Ist es nicht wurscht? Jedenfalls kurz zum Schluss, fast auf Kurzschluss gebracht, und schnell geantwortet, schneidend scharf: »MAESTRO!!!! – I krieg im Gegensatz zu Ihnen keinen 100er für den Schwachsinn. I kriag nix dafia bezahlt, dass ich hier meinen Deppen runter reisse!« – Und weiter gedacht: Das wird sich jetzt in dem Moment schleunigst ändern, weil ich nämlich jetzt gehe... Tschüss A.....!

Aber das biegt der andere,
Thomas Pertl (Ex-Postkunde von kawei), in der letzten Sekunde gerade noch ab – und somit kann dann alles wie am Schnürchen funktionieren, auch wenn man sich dabei freiwillig zur Marionette macht...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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