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BEST OF UNVERÖFFENTLICHT:

Harte Bandagen: Regisseur Weingartner und Autor kawei treffen sich – oder einander?

Die Möglichkeit zu arbeiten oder Sind die fetten Jahre vorbei?

Hans Weingartners Film lief als deutscher Beitrag im Hauptbewerb der Filmfestspiele von Cannes 2004. Der Autor Karl Weidinger absolvierte mit dem in Vorarlberg geborenen und lange Zeit in Wien lebenden Regisseur dereinst (1994) ein Drehbuchseminar, drehte danach den »Dreifachstecker« und bat nun zum Gespräch, das zum Schlagabtausch wurde, schonungslos!

»Die fetten Jahre sind vorbei« ist ein erstaunlich dichter Film. Sind nun die fetten Jahre wirklich vorbei?

Hans Weingartner: Für Typen wie Josef Ackermann und Jürgen Schrempp, die Vorstände der Deutschen Bank und Mercedes Benz, die über 10 Millionen Euro pro Jahr verdienen und keinen Cent Ertragssteuern bezahlen, dafür aber Zehntausende auf die Strasse setzen, sich einen Scheiss um ihre Mitmenschen und das soziale Wohl der Gesellschaft kümmern: Ja! Für die sind die fetten Jahre vorbei. Die sollten sich schon mal warm anziehen. Die kriegen jetzt bald einen Tritt in den Arsch. Denn die Arbeiter & Arbeiterinnen bleiben nur sanftmütig, solange es ihnen gut geht. Wenn zu viele keinen Job mehr haben, weil die Konzerne lieber in Südostasien produzieren lassen, dann werden sie wütend ihre Fäuste ballen, auf die Strasse gehen und richtig hart zuschlagen. Die Maschine ist heiss gelaufen. Die Leute haben keinen Bock mehr auf dieses Scheiss-System.

Na, da beobachte ich aber was ganz Anderes:
Meiner Wahrnehmung nach ist das Volk satt gefressen mit Fastfood und zugemüllt von öden Spielen im Fernsehen
– Brot und Spiele, wie im alten Rom…

Das war in den 90er Jahren so, aber jetzt brechen neue Zeiten an. Das »alte Rom« steht vor einer tief greifenden Wandlung. Jede Phase der Dekadenz – so war das zu allen Zeiten der Geschichte – wird abgelöst von einer Phase der Revolution. Brot & Spiele: Das ist ein Leben auf Kredit. Und der Kredit ist jetzt aufgebraucht. Kennst Du das nicht aus Deinem eigenen Leben? Wenn Du wochenlang gefeiert hast und dann kommt dieses Stechen aus der Leber, das Dir sagt: Jetzt ist Schluss?

Kenn ich nicht, aber um mich geht’s hier gar nicht! Im Begleittext des Filmes steht, ich zitiere: »Weingartners Film setzt auf subtile Weise an jenem Punkt an, an dem sich die Anti-Globalisierungs-Bewegung momentan befindet: Sie hat Aufsehen erregt, ist eine politische Kraft geworden, aber tatsächlich ändern kann sie nichts.«

Das hat ein Journalist geschrieben. Es stimmt nicht. Die Anti-Globalisierungs-Bewegung ändert sehr viel. Sie steht erst am Anfang. Wenn sich die Situation weiter zuspitzt, also die Kluft zwischen Arm und Reich – zwischen Erster und Dritter Welt – sich weiter vergrössert, wenn das globale Öko-System zusammenbricht – und der Tag wird kommen, soviel steht fest – dann werden die Leute zu ATTAC kommen und sagen: »Bitte rettet uns!«

ATTAC wird natürlich niemanden retten! Sondern besteht – meiner bescheidenen Meinung nach – überrepräsentativ aus »rich kids«, die Weltrevolution spielen mit den Kreditkarten ihrer ErzeugerInnen. Und das alles lässt sich – vermute ich – am besten in deren, mit importiertem Billig-Atomstrom betriebenen Luxusvillen planen…

Jan, Jule und Peter, die Hauptfiguren, sind keine »rich kids«. Die kommen aus der Arbeiterklasse. Jan ist Koch, Peter Möbelpacker und DJ, und Jule ist Kellnerin. Kreditkarten kennen die nur aus der Werbung… – Ja ja, die Feindbilder des kawei haben die Jahre überdauert.

Ich habe keine Feindbilder, höchstens Infotainment, das vorgibt, Journalismus zu sein. Ausserdem bedeutet Interview immer Verrat: Entweder man denunziert sein Gegenüber oder man verrät die Leserschaft, die man um die Information betrügt. Wie auch immer! Für Dich als Regisseur scheinen die fetten Jahre nach Max-Ophüls-Preis 2001 und Teilnahme im Cannes-Hauptbewerb 2004 erst zu beginnen. Hast Du schon Angebote für Werbungen und »Tatorte« erhalten?

Ja, ich habe einen deutschen »Tatort« geschrieben, in dem einer der beiden Kommissare wahnsinnig wird und der andere daraufhin seine Vorurteile gegenüber psychisch beeinträchtigten Menschen abbaut. Der TV-Sender hat sich aber nach anfänglichem Interesse doch nicht getraut, das zu machen. Werbungen musste ich bisher zum Glück nicht machen. Es fällt mir schwer, den Leuten einzureden, dass sie sich den ganzen Scheiss kaufen sollen, den sie eh nicht brauchen, der sie im Endeffekt nur unfrei und unglücklich macht. Es ist doch immer derselbe Mist: du kaufst dir irgendein Drecks-Handy und glaubst: du bist dann genauso jung, gut drauf und fit wie die Jungs und Mädels im Werbespot. Es klappt aber leider nicht, nur merken die wenigsten, dass sie immer wieder auf denselben Schmäh reinfallen.

Der Gradmesser für Erfolg sind lukrative Aufträge aus der Werbung und dem »reichen« Medium Fernsehen. Im Gegensatz zum »armen« Film-Genre, das auf Selbstausbeutung beruht…

Erfolg an sich ist mir relativ egal. Das kannst Du mir glauben oder nicht. Aber was ich wirklich brauche, ist die Möglichkeit zu arbeiten. Ich mache Filme und das 14 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Ich habe keine Familie, keine Hobbies, keinen Besitz, nichts, nur meine Arbeit. Deswegen geht’s mir gut. Wenn ich Preise gewinne und mein Name in der Zeitung steht, können meine Filme leichter finanziert werden. Deswegen ist Erfolg indirekt natürlich schon wichtig, leider, aber nicht als Wert an sich.

Und was ist, wenn Du von dieser Promotion-Tour heimkommst und Deine Möbel sind verrückt und an der Wand klebt ein Zettel: »Du bist viel zu reich/erfolgreich«?

Diese Scheissfrage beantworte ich nicht. Das ist kleinbürgerlicher Scheissdreck. Sowas fragt mich die Springer-Presse. Was hast Du eigentlich für ein Problem mit meinem Erfolg? Ich lade Dich zur Premiere ein, Du kommst 15 Minuten zu spät, was allein schon eine respektlose Scheisse sondergleichen ist, ich lade Dich zur Party ein, und Du pinkelst mir ans Bein, indem Du diese billige Nummer reitest im Kronen-Zeitungs-Stil. Ich bin weder reich, noch wohne ich inner Villa, Du Arschloch, und ich lebe ein genauso beschissenes Leben wie Du. Fick Dich ins Knie!

Pfuh, so hart war’s noch nie. – Im Film wirft Jule dem Manager vor, tausendfach Statussymbole anzuhäufen, um als Alpha-Männchen extragut dazustehen und alle Weibchen kriegen zu können. Ist man als Regisseur nicht auch sowas wie ein Apha-Männchen?

Also meine Freundin hat mich vor drei Wochen verlassen. Regisseur zu sein hat nicht viel mit dem Rockstar-Leben zu tun, wie Du Dir das vielleicht vorstellst. Da hab ich definitiv den falschen Beruf gewählt. Schlag mal die Scheidungsraten von Filmregisseuren nach, die ist bestimmt hoch. Wegen des Zeitmangels, nicht aufgrund der hohen Seitensprungdichte.

Jojo, zurück zum Film: Wie war’s im Hauptbewerb der Filmfestspiele in Cannes? Was hat Jury-Präsident Quentin Tarantino zum Film gesagt. Ist ihm zuwenig »amerikanisches« Kino, also Mord & Totschlag, vorgekommen?

Cannes war lustig. Wir gingen da rein in die Welt der Reichen und Schönen und hinterliessen unsere Botschaft. Quentin soll viel gelacht haben, wurde mir erzählt. Was er genau von dem Film hält, entzieht sich meiner Kenntnis.

Und freut es einen, wenn er nun als Österreicher vereinnahmt wird, obwohl er ohne den Umweg über Deutschland (Postgraduate-Studium an der Kunsthochschule für Medien in Köln) – soweit ich das beurteilen kann – keinen geförderten Meter Film in Österreich auf die Leinwand gebracht hätte.

Diese Österreich-Deutschland-Diskussion hängt mir zum Halse raus. Da antworte ich nicht mehr drauf. »Cordoba '78« (als die österreichische Fussball-Nationalmannschaft bei der WM in Argentinien die deutsche Mannschaft 3:2 besiegte, Anmerkung) ist der letzte relevante Beitrag zu dem Thema.

Letzte Frage: War es teuer, Daniel Brühl, der nach »Good bye Lenin« bereits auf einem Ticket nach Hollywood sitzen soll, nach Deinem Erstlingserfolg »Das weisse Rauschen« wieder zu kriegen. Was kostet der für eine Hauptrolle?

Nein, Daniel hat wegen der Geschichte mitgemacht und weil wir befreundet sind, nicht wegen dem Geld. Er hat das normale Durchschnittsgehalt eines Schauspielers in Deutschland bekommen.

Danke fürs Gespräch!
Übrigens: Ich werde Dich nie wieder interviewen...

Naja kawei, verständlich! Eigentlich warst Du ja von uns beiden immer das grössere Genie...






Hans Weingartners Film über eine
Anarcho-Gruppe,
die am Einsatz von
Gewalt scheitert, lief nach 11 Jahren als deutschsprachiger Beitrag im Hauptbewerb
von Cannes und seither auf zahlreichen Festivals.
Der Film ist bereits in über 40 Länder verkauft
– und seit 25. November 2004 auch in den
heimischen Kinos zu sehen.



Die Crew zum Erstlingserfolg
namens »Das weisse Rauschen«
(Max Ophülspreis 2001)



Daniel Brühl wieder in der Hauptrolle,
der bereits auf einem Ticket nach
Hollywood sitzen soll. Time will tell.



Die Frage nach dem Erfolg
bringt den Regisseur
etwas leicht zum Auszucken! Und dann noch die
Frage nach seiner Rolle als »Alpha-Männchen«...

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Aber wenn man gemeinsam so ein Meisterwerk
wie den »Dreifachstecker« zusammen gedreht hat [der erste Film von Hans Weingartner, den kawei vor der Vernichtung gerettet hat]
ist man nicht so schnell beleidigt und hat ausserdem seinen guten Ruf als »Bad Guy« zu verteidigen.

INFO:
»Das weisse Rauschen«
2001
»Die fetten Jahre sind vorbei«,
2004
»Free Rainer - Dein Fernseher lügt«
2007
[fast] alle Filme von Hans Weingartner sind permanent auf sowohl flachen als auch projizierenden Abspielgeräten zu bewundern.


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Elfriede Jelinek
und
•|»Tatort Resselpark« im AUGUSTIN

SchlussBemerkung:
»Film ist immer Konflikt!«
Das wird einem in jedem
DrehbuchSeminar beigebracht.
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