TEXT|LIFE of KAWEI •|199– •|95 •|96 •|97 •|98 •|99 •|00 •|01 •|02 •|03 •|04 •|2005 •|06 •|07 •|08 •|09 •|10 •|11 •|2012

BEST OF UNVERÖFFENTLICHT:



Falsches Spiel mit Alf Poier

Kiara, Jacky und Gale sowie Helmi und Willi traten mit Alf Poier an,
um dabei eine orfische Poier-Verhinderung zu erleben

 

 

I. Alf der Unterirdische: Am Schauplatz eine enge ORF-Garderobe mit der Türnummer 1059, irgendwo in den küniglbergischen Katakomben. Vor dem Spiegel setzt die aparte Kiara Waite optische Kontaktlinsen ein, um auf der Bühne ihren betörenden Schlangenblick zu haben, Jacky Surowitz bündelt die weizenblonden Haare, Willi Maierhofer stellt den Riemen der – in Relation zu ihm – riesigen Trommel der Vorauer Blasmusik kürzer, und gänzlich unbeeindruckt sitzt Gerhard »Helmi« Eichberger auf dem einzigen Sessel vor der sandgrünen Vertäfelung als Hans-Moser-Verschnitt. Auf dem liebenswerten Charakterkopf eine Mütze mit der Aufschrift »Hallo Dienstmann«. In wenigen Minuten startet die Übertragung der Ausscheidung zum Songcontest. Interview um Interview nuschelt der als Star des Abends und Quotenbringer nützliche Alf Poier durch die aufgesetzte Clownnase. Mit dem Zylinder in der Hand wirkt er wie eine antiquierte Melange aus Zirkusdirektor und Spassmacher.

Seit George Walker Bush der Welt gezeigt hat, wie man die Demokratie samt dem dazugehörigen Übel »freie Wahlen« effizient ein- und durchsetzt, gibt es überall auf der Welt Nachahmungstäter.

Am 25. Februar 2005 fiel die Entscheidung bei »song.null.fünf« live auf ORF 1 – Wurde damit drei Tage nach Alfs 38. Geburtstag gleich die Gerechtigkeit mit gefällt? Nach wochenlangem Brüten über der Wahlarithmetik wurde man fündig – oder findig? Der in absoluten Zahlen unangefochtene Sieger musste sich einer geschniegelten Schunkelbande, die wie »der Musikantenstadel auf Ecstasy« (ein Live-Zuseher) wirkt, geschlagen geben. Und – man darf es sagen – er ist wahrscheinlich nur geholt worden, um die mauen Quoten des Vorjahrs zu toppen (oder erinnert sich noch jemand an »Tie break«?). Denn so ein Alf regt ausserirdisch auf. Und »wer schimpft, kauft«, heisst es – oder sieht zumindest hin. Also konnte Poier für ein Antreten verpflichtet werden, wobei es möglicher Weise schon vorher feststand, dass er nicht zum Finale nach Kiew in die Ukraine fahren würde…

Etwa 61.000 Votes sollen dann auf das Siegerlied »Y Asi« der »Global.Kryner« entfallen, für »Good Old Europe Is Dying« von Alf Poier jedoch weitaus mehr, nämlich 106.100 Stimmen. Jene von Handy und SMS werden mit 270.511 wesentlich mehr Votes erzielen als alle Festnetz-Anrufe aus den Bundesländern zusammen (66.668). Das wird die Telefonrechnung von Herrn Gebührenzahler und Frau Nicht-Gebührenzahler mit etwa 135.000 Euro belasten. Bei den gewerteten Handies und SMS wird Poier (mit 32,87% oder 88.917 Stimmen) weit vor »Global.Kryner« (mit 17,64% oder 47.718 Stimmen) liegen.

Tja so ist das Leben: »Ich bin immer nur gelaufen, um zu siegen«, sagt Alf über seine Vergangenheit im Nationalteam der Laufsportler. Tja, dumm gelaufen!

Eine Gästebetreuerin des ORF kümmert sich um den illustren Haufen vor dem Start. Wangen werden mit Mikros beklebt und mit Funksendern verkabelt, Nasen gepudert, Stirne abgetupft. Drei der fünf Originale in seiner Begleitung hat Alf als regelmässiger Backstage-Gast bei Drahdiwaberl selbst gecastet. Aber es dürfen nicht mehr als 6 Leute gleichzeitig auf die Bühne. Deswegen kommt nur noch Gale Gatterburg, die Operndiva, in ukrainisches Orange gehüllt, dazu. Gemeinsam mit ihr hatte Alf die Teilnahme am 10. Jänner – mit Wasserpfeife und einem Schubkarren voll Broccoli – bekannt gegeben.

Der zurzeit wohl kontroverseste Musikkünstler Österreichs startete (vom internationalen Label Edel Records im Rahmen der Expertenjury nominiert) bereits 2003 beim Songcontest in Riga, obwohl so verdiente Heroen wie Thomas Forstner (»Venedig im Regen, wie alt siehst du aus«) und Gary Lux (»mehr Blumen statt Asphalt für die Kinder dieser Welt«) ihre Stimmen wie ihre Zeigefinger mahnend erhoben – und weitaus schlechtere Platzierungen vorweisen konnten.

In Riga belegte Poier 2003 mit »Weil der Mensch zählt« (einer Analogie zum alten SPÖ Slogan) den 6. Platz und damit einen der besten, den Österreich bei der Eurovisions-Singerei jemals erreichte. Aber gleichzeitig begann für den Interpreten seine »geistige Sterbephase«, wie er es selbst bezeichnet.

II. Human-Humus: Am Schauplatz ORF Hochgarage, Mitteldeck: Willi Maierhofer öffnet den Kofferraum seines geräumigen Mercedes. Der Musikverein Vorau braucht die grosse Trommel unversehrt zurück für den nächsten Blasmusikeinsatz, normaler Weise zieht die Trommel ein Pony, noch vor Minuten hat sie Helmi mit einem (unbenützten) Klobesen geschlagen. Kiara und Jacky rutschen bei Alf auf den Rücksitz. Helmi besteigt sein Aixam Mopedauto, mit dem er am Nachmittag von Langenlebarn auf den Küniglberg knatterte, angetrieben mit kühner Hoffnung und befeuert von grossen Erwartungen. Die Ausscheidung ist Geschichte, eine unrühmliche für den ORF, eine gute für Helmi, den über eine halbe Million Zuschauer, 500x mehr als beim letzten Drahdiwaberl-Auftritt (mit Jacky und Kiara) in der Wiener Arena, zusahen.

Alf Poier findet, seine Gespielen auf der Bühne sollten »naturbelassen« sein. Keine falschen Menschen. Reine Toren im positivsten Sinne, wie er, Alf, selbst. »Nicht diejenigen, die meines Blutes sind, sondern diejenigen, die meines Geistes sind, suche ich«, schreibt der Judenburger Ex-Ministrant in seinem Memoirenband.

War etwa für die Wahlarithmetik der Songcontest-Konsulent Markus Spiegel verantwortlich, dem Alf in »Starmania«-Manier vorsingen musste? Mit Schuldzuweisungen ist man vorsichtig. Man erinnert sich, was das Scharfmachen einer Programmillustrierten im Vorfeld angerichtet hat. Der sensible Alf traute sich nicht mehr auf die Strasse, aus Angst vor Vergeltung suchenden Muslimen (für die Zeile: »und weil Mohammed sich so gut vermehrte, singt bald in Rom der Muezzin«). Hinter jeder Ecke wähnte er aufgehetzte Fanatiker, die ihm nach dem Leben trachten könnten, und fühlte sich selbstbewusstseinsmässig unterirdisch. Für die Quote jedenfalls war diese unbotmässige Scharfmacherei der reinste Zunder.

Der – wie er selber sagt: »1967 mütterlicherseits in Judenburg Geborene« hat aus aktuellem Anlass die neue CD »Lustige Lieder der Traurigkeit und Not« herausgebracht. Nur schade, dass es mit der Songcontest-Teilnahme nichts mehr wird. Die Wahlarithmetik hat es verhindert. »Gottseidank«, keuchen die Einen, »oh nein«, stöhnen die Anderen. Das bereits im Vorfeld viel diskutierte Requiem auf »Good Old Europe« musste sich sogar Fremdenfeindlichkeit vorwerfen lassen, worauf Alf die belästerten Zeilen mit buddhistischem Schweigen ausfüllte. Nun wirkt alles negativ, sogar »Sterbebuch« und »Sterbe-CD« hat er seine jüngsten Elaborate betitelt. Denn Alf Poier, Kabarettist, skurriler Performer und Songcontest-Starter, ist nunmehr auch unter die Autoren gegangen. Weil er sich gerade in einer Sterbephase befunden hat, sagt er, die ihn allerdings nicht an ein Ende, sondern auf eine neue Bewusstseinsebene geführt hat. Und sein höchstes Ziel ist die Baumwerdung. Noch nie zuvor ist die Verbindung von Humus und Human so deutlich zu tage getreten. »Die Bäume lieben mich, und ich liebe sie. Da überkommt mich manchmal das Gefühl einer glückseligen Todessehnsucht natürlicher Baumwerdung«, schreibt Alf in seinem Buch ziemlich zu Schluss, auf Seite 8.

III. Sterbe-CD & geistiges Sterbebuch: Am Schauplatz »Gräfin am Naschmarkt« sitzt eine erweiterte Runde von Gleichgesinnten um Alf. Helmi muss was essen: ein Steak um 39 Euro, etwas zu wenig durch. Eine Reklamation bewirkt, dass das blutige Stück Fleisch vom Kellner in die Mikrowelle befördert wird. Alf braucht Seelentrost, Helmi braucht Stärkung. Die 6,35 Pferdestärken im Aixam Mopedauto benötigen Stunden für die Strecke nach Langenlebarn, begleitet von der schönsten Alf- und Dahdiwaberlmusik auf Kassette. Alf raucht in die Luft, Manager René Berto bläst Trübsal. Willi Maierhofer trinkt Kaffee. Er wird heute nicht mehr nach Vorau in die Steiermark fahren, sondern bei seiner Schwester in Wien 3 übernachten. Jacky und Kiara sind fast schon wieder lustig, beinahe übermütig, obwohl sie sich um den Sieg und das Antreten in Kiew betrogen fühlen. Das hätte möglicher Weise ihre Schauspieler-Karrieren beflügelt wie das taurinhältige Getränk, dem sie zusprechen.

Kuriose Wahlen haben Tradition beim ORF. Vor 3 Jahren fuhr Manuel Ortega mit einer haarscharfen Free »Allright Now« Nicht-Kopie zum Songcontest. Das Voting wurde gedrittelt, um das FM4-Duo Stermann & Grissemann zu verhindern. Telefon, SMS und Internet waren zu je 33% gewichtet. Bei SMS und Telefon mit mehreren 100.000 Stimmen waren die FM4-Komödianten mit ihrem »Das schönste Lied der Welt« weit voraus. Somit gaben einige – beinahe ist man versucht zu schreiben – handverlesene, von Ö3 persönlich ausgewählte Internet-Stimmen den Ausschlag.

Alfs Manager René Berto, der sich als gastvortragender »Leck-Tor« (am Universitätslehrgang für Öffentlichkeitsarbeit am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Uni Wien) bezeichnet, bringt Licht ins Dunkel der Missverständnisse, was den Unterschied zwischen 1. und 2. Platz ausmacht: Allein an Tantiemen so um die 30.000 Euro nur an AKM Rechten. Manager Rene Berto betreut das florierende Unternehmen Alf Poier: 3500 Singles sind produziert, 5000 Bücher gedruckt. Und nun werden 2 Monate in den Medien mit Airplay fehlen. Dafür cashen jetzt »Global.Kryner« ab. Nach dem Motto der einzig weltweit erfolgreichen Songcontest-Starter namens Abba: »The winner takes it all«.

Konkret geht es wieder einmal um eine fehlende Stimme. Und zwar im Land der Burgen hatte der spätere Siegerbeitrag 426 Stimmen und Alf Poier nur 425. Andernfalls wäre mit 100:100 Punkten Gleichstand eingetreten, und Alf hätte mit 5 gewonnenen Länderwertungen den Sieg davon getragen. Der ORF beruft sich auf das einheitliche European Songcontest Voting System, was so nicht stimmt, weil ja nirgends – in keinem Land der EU und Israel – die Handies separiert werden.

Breiten wir lieber den Mantel des Schweigens über die kuriose Entscheidung. Alf wirft wie der heilige Martinus, Patron der Burgenländer, seinen Mantel ab, verstaut den Zylinder bei den Requisiten, die Clownnase hat für heute ausgedient. Das Outfit wird von seiner Seelenfreundin Parasolia ausgesucht. Sie, eine Gruftie-Punkerin mit hennarot gefärbtem Haar, hat auch das Cover für das »geistige Sterbebuch« fotografiert.

In jedem Gespräch gibt es eine Wohlfühlfrage und eine Killerphrase, die das Interview beenden könnte. Was ist dran an der Story vom letzten Songcontest-Antreten in Riga, wonach die heimische Gerüchteküche den Schmarrn aufkochte, dass der Alf eine Woche in einem russischen Hotel angehängt hat und mit der einen vorgeblichen Lesbe von »Tatu« herumgemacht hat? – Nein, das ist nicht der richtige Zeitpunkt für diese Scheissfrage.

Alf schmeisst eine Runde Getränke für alle und bedankt sich bei jedem Mitwirkenden persönlich. Und dafür gebe es keinen Grund. Alf Poier hat an diesem merk- & fragwürdigen Tag keinen Untereuro namens Cent verdient.

Im Herbst 2005 bringt er ein neues Programm heraus, sein selbst geschriebenes Buch mit dem nicht zimperlichen Titel »Mein Krampf« ist bereits draussen, zeitgleich mit seinem vierten Tonträger »Lustige Lieder der Traurigkeit und Not«. Und der Tonträger hat eine schwere Last zu tragen. Schwer zu tragen, noch schwerer zu ertragen. Alf trägt den Songcontest-Remix erstmals auf Wienerisch vor, samt Alk bedingter Stammtisch-Kommentare. Auch der tiefenpsychologische Essay in Buchform mit 185 Seiten, samt rückwärts laufender Paginierung, ist kein Witzbuch im herkömmlichen Sinn. Eher ist es »ein null philosophisches Buchstabenkompott mit direkter Humorbeschattung«. Gleichzeitig ist dieses Buch aber auch ein Ratgeber für die vielen Sinnsucher und geistig heimatlosen unserer modernen Hypergesellschaft. »Nicht kann ich denen helfen, die einen offenen Schienbeinbruch haben oder an einer akuten Darmvermehrung leiden – dafür gibt es Ärzte und Wunderheiler. Helfen kann ich nur denen, denen es genauso geht wie mir. Deshalb trinkt meine Weisheit und vermehret Euer Unwissen – dieses Buch ist der erste Schritt dazu. – Selig sind die Armen im Geiste – sie werden das Himmelreich schauen!!! Euer Alf«, sagt der Humor-Kanonier auf dem Cover.

Alf ist ein Apostel des Nonsens, ein Prediger der hinterhältigen Komik. Vordergründig kommt diese ungeschönte Naivität wie eine tiefgehende Einfalt daher, hat es aber bei näherer Betrachtung faustdick hinter den Ohren. Und dass er ein ehrliches Herz für Randfiguren hat, braucht er nicht mehr zu beweisen (Alf bekam vom ORF weder Euro noch Cent für sein Antreten, bezahlte aber jedem Darsteller seiner Backline 400 Euro aus der eigenen Kabaretttasche). Und es gilt, was der Alf bei »Vera« gesagt hat: »Ein gescheiter Mensch kann sich zwar dumm stellen, aber ein dummer kann sich nicht gescheit stellen. Alles Gute beim Weiterhecheln!«

 



Jacky Surowitz, Gerhard »Helmi« Eichberger, Kiara Waite sowie Gale Gatterburg.


Alf flankiert von Helmi mit der grossen Trommel von der Musikgruppe Vorau und Willi Maierhofer mit der kleinen Blechtrommel bei der Uraufführung zum Requiem »Good Old Europe Is Dying«.


Das erste Lied titels »Hotel, Hotel« war Alf etwas peinlich, aber nix gegen den rappenden Alpensepp, der im alpin-debilen HipHopSlang auf »a Goass« ging.
Foto: ORF Lichtbildstelle/Ali Schaffler


Merchandising is it!
go to: www.alfpoier.at
Man schenke auch dem
nächsten T-Shirt Beachtung!

--Foto in ZEITLUPE & ECHTGRÖSSE
Foto:
Matthias Holzmüller

ALF ist naturgegeben schüchtern, dabei ausserordentlich nett und seit Neuestem ein literarischer Kollege – weitere Infos: www.alfpoier.at

INFO:
Alf Poier »Mein Krampf – ein geistiges Sterbebuch«, ISBN 3-200-00286-7, erschienen im Verlag »Genie & Wahnsinn« um 16,90 Euro, mit 185 Seiten, inkl. 50 Abbildungen, im Vertrieb von Mohr-Morawa, »Lustige Lieder der Traurigkeit und Not« im Vertrieb von Sony BMG.
Gerüchteweise pfeifen böswillige EX-ORF Spatzen von den Kü'berg-Dächern, dass es angeblich schon einen Vorvertrag mit dem globalen Käsekrainern gegeben haben soll, weil diese bei dem abgekarteten Spiel nur mitmachen wollten, wenn auch gewährleistet wäre, dass die Ausscheidung zu gewinnen sei... Alles wirklich nur ein Gerücht? »Global.Kryner« ist (oder war?) jedenfalls die erklärte Lieblingsband des zuständigen ORF-Regisseurs. Dass sie in Kiew nix reissen, ja nicht 1x ins Finale kommen werden, steht für aufgeklärte Mitmenschen bereits im Vorhinein fest. Aber vielleicht kann im darauffolgenden Jahr – nach der Zwangspause – Alf Poier wieder die Kastanien aus dem Feuer holen...
--go to HOME of kawei.txt
 
--eMail to kawei.txt