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BEST OF UNVERÖFFENTLICHT: SPENCER TUNICKS MENSCHENOPER


Gebenedeit unter den Leibern...


Mittendrin statt nur dabei: Als 1 von 1840 MenschenOpfern, die auszogen um sich für die Kunst auszuziehen.
Die 1. NacktReportage um festzustellen: Es gibt nicht nur eine positive Form, sondern auch die negative Form der Nacktheit.



Text by kawei (Schriftsteller | see: Books) Fotos by Anonymus


Andy Warhol meinte: »Nicht der Mensch schaltet die Kamera ein, die Kamera schaltet den Menschen ein!« – Ja, und das mit den 15 Minuten Ruhm ist auch noch gültig, wenn man als Nackedei »adabei« sein will. In der Kunst begegnet man 2 vorherrschenden Ausformungen: Da gibt es die seltenen Revolutionäre (wie Vincent Van Gogh), die ein relativ entbehrungsreiches Leben führen. Und dann gibt es noch die recht häufigen Behübscher (wie Hundertwasser oder Attersee), deren Werke Häuserfassaden und Wursthäute zieren. – Willkommen bei der ersten komplett textilfreien Reportage eines nackten Leibes von Spencer Tunicks Installation im Wiener Happelstadion – 6 Wochen vor dem UEFAEuro2008™ Finale. Megafone plärren, Mikrofone knurren. Selbst die Viehtrieb ähnlichen Anweisungen können der guten Stimmung unter den MitmachAkteuren nichts anhaben. Seine Massen-Choreografie aus nackten Fleischbergen bezeichnet Spencer Tunick als »KörperLandschaften«. Darunter befindet sich auch der Mitinitiator und Direktor der Wiener Kunsthalle Gerald Matt, der Spencer Tunick (nach dessen Verhaftung am Broadway in New York) bereits zum 2x in die Donaumetropole brachte. Und das nur für den lächerlichen Pappenstiel von 60.000 Euro für die UEFAEuro2008™. Geschenkt!

Jeder hat schon davon geträumt – als Nachtmär oder als Glückstraum: Nackt in der Öffentlichkeit zu stehen. Und wenn man kein Drahdiwaberl-Aktivist oder sonst wie exhibitionistisch veranlagt ist (was oft aufs Gleiche hinausläuft), bekommt man selten Gelegenheit, diesen Traum in die Tat umzusetzen – sei es aus therapeutischen oder sonst welchen Gründen. Am 11. Mai 2008 ist das wieder möglich, ausserdem fallen Muttertag und Pfingsten auf 1 Tag zusammen. Und dieser glückliche Zeitpunkt im Wonnemonat vereinigt sich auch zum Durchführungsdatum einer Kunstaktion im Wiener Happelstadion. Es soll die schwierigste Installation von Spencer Tunick sein, wie er einer Interviewerin gegenüber feststellt. Tunick arbeitet mit nackten Menschenmassen, die er an den unterschiedlichsten Orten der Welt ablichtet. Als »Architekt des Fleisches« geniesst er Weltruhm. Die bisher grösste entblätterte Menschenmenge brachte er in Mexiko City zusammen, »18.000 nudes« sein Body-count.

In der Donaumetropole muss er sich mit einem Zehntel davon begnügen. 2008 an der Zahl wollte man erreichen, anno 2008. Für diese stellten die Bundesbahnen Tickets zur Verfügung, auf denen sie zwar sitzen blieben (was aber niemanden gekratzt hat, schon gar nicht die Vorstände). Also 160 Free-Tickets unter Plan, aber was solls? Es hat kaum jemand diese PR-Aktion genützt, auch ganz im Sinne des Erfinders – geht ja ohnehin nur ums Trittbrettfahren.

Überraschend viele Deutsche sind extra angereist, auf Eigeninitiative. Menschen aus 18 Nationen, mit einer relativ ausgeglichenen GeschlechterParität. Darunter auch etliche Veteranen von jener, bereits in Wien durchgeführten Aktion vor dem Museumsquartier, die am 10. Oktober 1999 frühmorgens stattfand. Der Asphalt erwies sich als grausam kalt, die Strasse gnadenlos kühl. Isolierende Unterlagen nicht erlaubt! Kunst muss leiden, sagt man. Dafür zog der international anerkannte Fotoartist das künstlerische Happening in den Morgenstunden des Oktobers vor 9 Jahren recht flott durch, wie die Veteranen dieses Shootings versichern.

Diesmal ist der Wettergott gnädiger gestimmt, obwohl Meister Tunick die beschattete Seite des Fussballovals für die Ablichtung seiner Nackedeis auserkoren hat – wegen des gleichmässigeren Lichtes, statt der wandernden Sonne.




Nennt sich »Installation«,
obwohl es kein Installateur macht, sondern ein Künstler, der den öffentlichen Raum (für seine Zwecke) adaptiert. Spencer Tunick tat dies am 11. Mai 2008 im Wiener Happelstadion.



Eingebettet –
Embedded Journalists:
BerichtErstatter, die im »friendly fire« umkamen. 60 Tausend Euro hat Spencer abgeräumt. Dafür hätte er jedem Nackten etwa 32,66 Euro periodisch zahlen können – wenn er wollen hätte:-) Aber warum sollte er wollen? Auch die Initiative »Österreich am Ball« bekam vom der Bundesregierung 10.000.000 Euro (10 Millionen) für alte Sängertucken, abgefrackte Politiker und 35 eher peinliche »Botschafter der Leidenschaft«. Hauptsache: gross abcashen!

Deutlich nach 14 Uhr ertönt der Startschuss aus einer knackenden Lautsprecheranlage. Spencer begrüsst die Audience per Funkmikrofon, wechselt aufs Strassenkampf erprobte Megafon, fragt, welches Instrument besser verständlich sei. Er wuselt herum, announct, dass der Rasen keinesfalls betreten werden darf. Am darauffolgenden Arbeitstag müsse das Stadion der durchführenden UEFAEuro2008™ übergeben werden, sagt später auch der Kunsthallen-Direktor Gerald Matt und rückt seinen Hut in den Nacken... Und da hätte das Stadiongrün jungfräulich zu sein und die gastierende Kunst dürfe keinem spriessenden Halm auch nur ein Härchen krümmen, sagt er mit etwas anderen Worten.

Positive und negative Nacktheit.

Meanwhile gibt Spencer die Basics seiner Arbeit bekannt: »No smile, not a sad face!« – Nicht lustig, nicht traurig, ernst blicken sei die Devise. Dann die wichtigste Anweisung: »When I count to three –: put your clothes off!« – Weil Spencer schon weiss, was jetzt passieren wird, immerhin macht der in den USA studierte Kunstmagister seine Arbeit bereits seit 1992.

Hinter mir Micaela, 5 Jahre älter als Spencer Tunicks erste Arbeiten. Eine atemberaubende Schönheit aus Deutschland, die als 23jährige PharmazieFachkraftVerkäuferin einfach »nur Bock darauf hatte, mitzumachen«. Zuerst bedeckt sie ihre Blössen schamhaft mit den Händen, die eigentlich am Körper anliegen sollten. Es ist ihr mehr als nur unangenehm, wie sie wiederholt sagt und immer wieder seufzend zum Ausdruck bringt. »Ach wenn das nur schon vorbei wär! Ich hab um 21 Uhr 15 mein' Billich-Fliega, bis dahin werdn ma ja wohl hoffentlich fertig sein.« (Was ich erst später herauskriege: Eine ehemalige Kandidatin von »Germanys Next Topmodel« mit Namen Micaela Schäfer).

Wenig später wird sie einer deutschen Fernsehanstalt ein Interview geben. Nackt! Dazu wird sie auf- und abmarschieren, wie es das Fernsehteam von ihr verlangt. Freudestrahlend wird sie der Kamera erzählen, dass sie aus der Menge herausgepickt wurde und auch am nächsten Tag als 1 von 5 Auserwählten, persönlich Gecasteten noch Nachshootings und/oder CloseUps machen wird. Das Team tauscht gleich Handynummern mit der Überglücklichen. Keine Rede mehr von Billigflieger um 21:15 vom VIE Schwechat. Und wie sagte schon Andy Warhol: Nicht der Mensch schaltet die Kamera ein, die Kamera schaltet den Menschen ein!

»Hands down, please!«

Danach: »Put your hands up like an aeroplane!« Und dazu die Anweisung in deutscher Gründlichkeit: »Strecken Sie Ihre Hände aus wie ein Flugzeug.« – Als ob Flugzeuge Hände hätten? Und wieder die Aufforderung: »Lassen Sie Ihre Hände seitlich wie ein Flugzeug!« Die Anweisungen für die MassenChoreografie nehmen mit Fortdauer der Inszenierung gebrüllte Ausmasse an (1939 wurden über tausend Juden hier mehrere Wochen lang interniert und später dann deportiert – dafür waren Stadien immer schon gut, nicht nur in Südamerika). Zart besaitet darf man bei so was nicht sein, immerhin gehts um Kunst. Um nackte Fleischberge oder LandschaftsSkulpturen, je nach Sichtweise.

Sogar eine kolumbianische Fernsehanstalt hat ein Team entsandt, das auch spontan mitmacht. Die BerichtErstatterin (in Grösse DD, was hier nicht für Dolby steht) wird ihrer Kollegenschaft Rede und Antwort stehen. Nackt, wie ein gut gelaunter Gott sie üppig schuf. Und ebenso nackt, wie TV-Anstalten ihre Bilder brauchen, wenn es – frei nach einem Roman von Norman Mailer – um »Die Nackten und die Quoten« geht. Da bleibt man hängen beim Zappen. Das garantiert EinschaltErfolge und kann als Trailer oder als Teaser immer wieder gezeigt werden… Da jubelt die Zielgruppe, da frohlocken die Quotenmacker.

Gut Ding braucht Ding.

Einen kleinen Zwischenfall wird es dann auch geben. Schon nach wenigen Settings gibts einige Frauen, die sich verdrücken. Weil einige Männer ihre SchauLust nicht in Zaum halten können. Frau sucht sich einen anderen Platz, fernab von der GafferSeele. Bleibt der unwillkommene Verehrer treu und erweist sich als anhänglich, nach dem Platzwechsel, dann zieht sich frau wieder an und verzieht sich. Aber das sind seltene Ausnahmen: Bedauerliche Einzelfälle, denen ein schöner KunstNachmittag versaut wurde, männlicherseits, leider.

Alles hat Spencer schon erlebt, in seiner künstlerischen Routine mit derzeit 75 Installationen (etwa 5 pro Jahr). Wie auch jene Akteure, die sich grosssprecherisch anmelden, dann aber dem Event fernbleiben (die Hälfte, sein Erfahrungswert). Nach Tunicks erstem Kommando: »Eins, zwei, drei – bei Drei alle die Kleider ablegen« gibt es einige Hasenfüsse, denen die Courage versagt oder die nur zum Schauen gekommen sind. Dann muss gewartet werden, bis die MöchtegernExhibitionisten oder DochnichtSpanner abziehen, damit die Nacktshow weitergehen kann. Eigentlich wären diese subversiven Störenfriede (ein Besoffener mit Bierdose in der Hand oder ein PensionistenPärchen, das nur schauen kommen wollte) die eigentlichen Künstler. Weil sie den fragwürdigen Ablauf der überdimensionierten Menscheninstrumentalisierung a la Riefenstahl sabotieren. Aber Leute lassen sich nun mal gerne vereinnahmen. Machen gerne mit bei Aufmärschen, Plünderungen, Reichskristallnächten, werden viel zu oft Teil eines enthemmten Mobs, bei dem kein einzelner Verantwortung zu übernehmen braucht. Fürs Erste suche ich mir 1 gepolsterten Sitz im VIP-Club, wo sicher noch nie jemand unbekleidet Platz nahm. Denn Kleidung hat nicht nur Schutzfunktion, sondern dient auch der gesellschaftlichen Unterscheidung.

Österreich am Ball (um 10 Millionen Abcash).

Settings und Positionen wechseln, ein Generalsstab an Infrastruktur. Tausende Bilder werden an diesem Nachmittag verschossen. Auch Tunicks Assistenten bewaffnen sich mit Gerät, bedienen Auslöser für zahlreiche Dokus und Filme. Selbst der Direktor der Kunsthalle, Gerald Matt legt seinen Sommeranzug samt Hut für 2 Bilder ab, um mitzumachen. Es ist sein Verdienst, er hatte Spencer Tunick nach Wien eingeladen, da er (wie er im Interview zu Radio Augustin sagt) mit dem Herrn Bürgermeister Häupl am Broadway mit dabei war. Damals, als Tunick verhaftet worden war... Der Wiener Bürgermeister konnte zusätzlich ein Zuckerl anbieten, um den Künstler zu ködern: In Wien gäbe es garantiert keine PolizeiSchikanen. Auch die belebte 2erLinie, zwischen den beiden Museen (naturhistorisch & kunsthistorisch), liess sich problemlos absperren. Gut so!




Andy Warhol meinte:
»Nicht der Mensch schaltet die Kamera ein, die Kamera schaltet den Menschen ein!« – Ja, und das mit den 15 Minuten Ruhm ist auch noch gültig, denn ich war »a
dabei« als Nackedei.

Besonders willkommen waren Schwangere und Babies, die recht häufig gestillt wurden (in den USA ein veritabler Verhaftungsgrund in der Öffentlichkeit, auch wenn es die natürlichste Sache der Welt sein sollte)... – die ureigenste Form der Nacktheit, jene unschuldige Nudität, in die man geboren wird. Irgendwann wird aus Kleiderlosigkeit häufig Porno: jenes Genre, in dem Nackheit naturgegeben ihren effektivsten Einsatz findet. Der spanische Filmemacher Pedro Almodovar meinte unlängst: Mittlerweile versuche alle Welt, den Porno zu imitieren. – Alles Körper, Konsum und Körperkonsum, oder was?

Mitgebrachtes Gras, oberhalb des Rasens.

Schwierig, die Anweisungen zu befolgen: Auf den Sitzen stehen! Es sind Klappsitze (ein etwa 5jähriges Kind stürzt ab und weint bitterlich, es ist allen wurscht, KUNST?!). Ein Mann 4 Sitze weiter zittert vor Anspannung. Oder vor Aufregung. Oder weil ihm nur kalt ist? Jedenfalls ist es mörder anstrengend. Permanent hirschen Securities herum, um ihre Instruktionen in die nackten Leiber zu plärren. »Put your glases down!« Brillen sind nicht erlaubt, Socken und Unterwäsche sowieso nicht, Schmuck ebenfalls nicht. Dafür saugen einige Gepiercte – Männlein wie Weiblein, allesamt braun wie Grillhendl – fröhlich am mitgebrachten Gras. Wenigstens Rauchen wird geduldet, obwohl man es hier, oberhalb des UEFAEuro2008™Rasens, sicher schon längst nicht mehr darf. Die Stimmung in der Nähe dieser nackterprobten, alternativ angehauchten FKK-Gruppe ist am ausgelassensten.

Gute Laune ist auch vonnöten, weil der Beton die Kälte der vergangenen Nächte auf der Schattenseite eisern gespeichert hält, auch die klammen MetallBewehrungen, samt lochgemusterten Klappsitzen, sind unerfreulich kalt und lassen sich nur unter Einsatz und Verlust von Körperwärme berührbar gestalten. Die nächste Anweisung ertönt und verlangt Ungewohntes: Sich über die Brüstung zu lehnen. Um frei nach »Alle meine Entlein« die »Köpfchen unter Wasser« hinter die Sitzreihen zu halten und den Pürzel in die Höhe zu recken. Und dann passiert es: Plötzliche Auf- oder Erregung: Nicht nur alle nackten Pürzel, auch 1 Schwänzchen geht in die Höh'...

Plötzliche Auf- oder Erregung.

Spencer beginnt noch hektischer zu werden. Er ruft nicht mehr schneidend scharf übers Stadionmikrofon, in dem Andy Marek sonst normalerweise den Zwischenstand ansagt. Wo es nach jeder Ansage »Danke« tönt, damit die Menge mit »Bitte« antworten kann. Etwas nur allzu Menschliches ist vorgefallen – oder etwas nur allzu Mänliches?

Jemand muss ausgetauscht werden; Spencer ruft nach der Security: »to cover a man« – ganz ohne plärrendes Megafon und/oder knurrendes Stadionmikrofon. Das muss schnell gehen, ohne viel Aufsehen. Wahrscheinlich gibt es ein vereinbartes Codewort. Jedenfalls hat die Security 1 Mann »zu covern« im Sektor Blau. Bei jenem Motiv, bei dem sich jedermann & jedefrau bis auf Anschlag vorbeugen muss und den entblössten Arsch in die Höhe strecken – wie auf dem Präsentierteller. Torbogen-Syndrom nennt man das, wenn der Stier im Manne plötzlich die spontane Regung des heftigen Bespringenwollens jeder Rundung verspürt. Man ist in der Stadt Sigmund Freuds, demzufolge ja der Sexualtrieb unser stärkstes Motiv sein soll.






Die positive (natürliche) Form der Nacktheit: Oder doch die negative (entwürdigende) Form? – Und nicht nur die Ärsche gehen in die Höhe...



Gleich wird was nur allzu Menschliches passieren – oder etwas nur zu Männliches? Aber es passiert nicht hier – sondern im Sektor Blau. (Alles wegretuschiert, wobei ich mich gefühlte 7x selbst erleichtern musste..., I assume.)

»We have to replace this man«, bemüht sich Mister Tunick schnell um Ruhe im Sektor, damit kein sexistischer Flächenbrand entstehen kann. Wahrscheinlich weiss er um die Beschaffenheit seiner fleischlichen Installationen nur zu gut Bescheid. Kreischen ist keins zu vernehmen. Also eher Unbeherrschtheit, ohne Nötigung oder gar Übergriff... Zum Muttertag, mit dem Fest der auf die Erde regnenden Zungen. Vor mir eine behaarte Rundung: ein nur zu männlicher »Torbogen«. Samt baumelndem Skrotum und verziertem Rektum, welches Charlotte Roche in ihrer HämhorrhoidenVerehrung zu einer Fortsetzung ihres Erfolgsromans »Feuchtgebiete« inspirieren könnte. Ich blicke zu Boden und verharre wie Fleisch, das ich in diesem anonymen Massenkunstwerk ja auch sein soll. Und so gehts weiter, Anweisung folgt auf Anweisung, Instruktion auf Instruktion, zuerst Englisch by Spencer himself, daraufhin die gedrechselte deutsche Übersetzung, bis…

Bis sich die Nachmittagssonne über den Prater senkt. Um 18 Uhr 06 erfolgt auf allgemeinen Wunsch eine Zeitdurchsage (Schmuck, Uhren und Brillen mussten ja abgelegt werden). Zwei Bildmotive stehen noch aus. Deutlich nach 19 Uhr ist Schluss. Ein V wie Victory Motiv will der Meister noch ablichten. Dann noch eines mit den 1000 Bällen. Es wird bereits merklich dunkel hier im Schatten. Und damit noch kühler. Man sieht an den Mitstreitern, weiblich wie männlich, Gänsehäute auf- und abwandern. Schwänze werden kleiner, ringeln sich ein. Nippel ziehen sich zusammen. Frösteln beherrscht die Szene. Die meisten Leute reiben sich die Oberarme, führen zittrige Tänze in der Wartezeit auf, machen eine AntikälteChoreografie.


Die Nackten und die Quoten.

Und die Leiber werden vorgeführt, der hungrigen Meute. Tunick weiss, dass er auch die etwa 80 BerichtErstatter füttern muss. Für seine Akteure hat er inzwischen nur noch nur recht scharfe Anweisungen über. Sein Team plärrt in die Megafone, lässt die Mikrofone knurren. Man merkt, was der Sinn von entwürdigender Nacktheit ist, wenn man hilflos ausgeliefert ist. Der Schutzfaktor Kleidung fällt weg. Würde man jetzt auch noch misshandelt, würde man sich nur wünschen, dass es vorübergeht – ohne sich zu wehren. In Wirklichkeit ist es keine Kunstaktion, sondern eine gut geölte Marketingmaschine. Allein die 1000 Fussbälle mit seinen Motiven darauf sollen 100.000 Euro einbringen, vorher muss noch gratis damit gepost werden. Nun werden die Massen endlich der harrenden Pressemeute vorgeführt. Die Mehrheit findet nichts dabei, dass nun die Kameraobjektive deutlich abgesenkt werden und auf »Hüftsschüsse« abzielen. Mir solls recht sein. Wer mit 1 Foto von mir glücklich wird, hat es sich verdient. Aber der voyeuristische Charakter der als Kunstaktion getarnten Veranstaltung ist nun nicht mehr zu verleugnen, da kann Mitinitiator Gerald Matt noch so sehr den GemeinsamkeitsCharakter des Kunstwerks herausstreichen.

Es ist wie im öffentlichen Raum: Profitieren werden nur wenige davon: Vor allem die Investoren, die sich mit ihren Geldern den Raum aneignen. Noch nie war das deutlicher, wie mit der Masse umgegangen wird: Wie Vieh durchgetrieben, angeplärrt, engeknurrt, beknufft, vergattert, in entwürdige, verletzliche und unangenehme Posen gebracht. Das ist mehr keine positive Form der Nacktheit wie am FKK-Strand. Das ist die Pose der Entwürdigung, vom symbolischen Gehalt vergleichbar dem Appell bei einer Deportation. Wenn nun jemand auf Abweichlinge und Verzögerer einzuprügeln begänne, würde man jetzt plötzlich auf Seiten der Antreiber stehen... Damit es so schnell wie möglich vorüberginge (was aber nie der Fall wäre)… Seltsame Gedanken, die mich da im Happelstadion erreichen, aber es ist leider die Wahrheit. Etliche beginnen zu schlottern aus Kälte und vor Anstrengung, andere haben sich die ganze Aktion durchgezittert... Alles freiwillig und ohne 1 Cent Gage – so kann's gehen!

 



Micaela Schäfer, vormals Germanys Next Topmodel, nun gebenedeit unter den Leibern. Freudestrahlend wird sie der Kamera erzählen, dass sie aus der Menge herausgepickt wurde (siehe Bild auf der Videowand).



Auch am nächsten Tag soll sie als 1 von 5 Auserwählten, persönlich Gecasteten noch NachShootings und/oder CloseUps machen. Dabei gab sie sich zu Beginn noch recht schamhaft. – Thank you, Spence!

Auf Einladung des Bürgermeisters.

Ein »kollektives Kunstwerk« bringt Kunsthallendirektor Gerald Matt es im Radio-Augustin-Gespräch auf den Punkt. Doch eigentlich hat davon niemand etwas, ausser dem Künstler. Und die Kunst verkommt zum kalkulierten Geschäft: 1000 Tunick-Bälle um 100 Euro, auch die dubiose Initiative »Österreich am Ball« cashte 10 Millionen Euro Fördergelder der öffentlichen Hand ab. Dazu der Exhibitionismus, mit dem spekuliert wird. Und BerichtErstattung, die auch unterstützt wird: Das vorletzte Bild findet bewusst vor der MedienTribüne statt, damit die Voyeure auch garantiert auf ihre Kosten kommen... Das ist mehr keine positive Nacktheit, das ist kalkulierte Nacktheit, die ein Geschäft bedienen soll. Unfreiwilliger Porno? Abgenötigte Prostitution? Nur entblössen sich hier die freiwilligen Akteure vor den Linsen, unbezahlt! Aber niemand hätte mitmachen müssen. Ich finde: Es reicht! Und wieder wird viel Zeit damit verplempert, die Aktion eingehend und ausführlich zu dokumentieren. Die Kunsthalle erstellt von jedem Bild ihr eigenes Shooting. Trittbrettfahrer des grossen Namens – oder Synergie? Jedenfalls dauert es gefühlte Stunden, bis die dokumentierenden KunsthalleFilmer & Knipser das Setting wieder verlassen. Erst dann kann Spencer seine Arbeit machen. Vom gemütlichen Happening schon längst mehr keine Spur. Kälte, das Gefühl von Ausgeliefertheit und Entwürdigung haben klammheimlich die Vorherrschaft übernommen.

Dafür erhalten am 23. Juni 2008 alle 1840 MitmacherInnen ihr »persönlich signiertes Foto« vom Meister. Keine Angst, es wird nur eine von Kodak gesponserte Massendruckkarte mit eingescannter Signatur werden (meine hat schon einen Platz auf eBay). Eine Ausstellung namens »Spencer Tunick. The Beautiful Game« erlebt den Kick-off. Exakt 1 Woche darauf findet das Finale im Stadion statt. Jedenfalls war das die beste Gelegenheit, so kurz vor der Europameisterschaft nackt im Stadion herum zu scharwenzeln. Auf jenem Platz, auf dem ich meine Duftmarken in die Polsterung gedrückt habe, wird beim Finale der UEFAEuro2008™ ein prominenter EhrenArsch sitzen. Wenigstens das bereitet mir eine kleine Schadenfreude. Und davon, nackt in der Öffentlichkeit aufzutreten, davon träumt ein verdientes Drahdiwaberl Mitglied längst nicht mehr – weder Alb- noch Glückstraum... Und im »Billich-Fliega« um 21 Uhr 15 wird wahrscheinlich 1 Platz leer geblieben sein.

 


Adabei bei Spencer Tunicks Menschenoper: Oder doch nur 1 MenschenOpfer? – Einmal noch winken und ich bin hier raus!


Die kritischen Medien, wie wir sie bisher kannten, sind tot.

Übernommen worden von »Sonderwerbeformen« in allen Variationen & AggregatZuständen. Product Placement & Medienpartnerschaften haben kritische BerichtErstattung abgelöst/verdrängt/ersetzt. Deswegen alles voll mit HäppchenJournalismus von dilettierenden LiteraturDarstellern (Franzobel kann weder kicken noch schreiben). Das Bundeskanzleramt schüttete für das Kunst- & Kulturprojekt UEFAEuro2008™ immerhin 2 Millionen Euro an Medienförderungen »zur Erzeugung von Euphorie« aus (gemeint ist: Bestechung zwecks Verhinderung von Kritik). Ergo dessen wird es vorerst keine, auch nur etwas hinterfragende BerichtErstattung geben. Und Jubel Trubel Heiterkeit auf allen Rängen. Und Erfolge Erfolge Erfolge. Aber gabs dieses Konzept nicht schon 1x: Unter dem Motto »Brot & Spiele« im alten Rom...
Ausserdem sind Kulturbudgets sondergleichen leergeräumt worden. ZwangsPatriotismus, damit der mafiöse Verein UEFA auf Kosten der Allgemeinheit im öffentlichen Raum (kein fremdes Sponsor-T-Shirt erlaubt, Zensur, Monopolbier usw.) abräumen kann?


MedienLimbo statt kritischer BerichtErstattung:
Mit dem genommenen Geld schaufeln sich unsere vormals unabhängigen Medien, die vor keinem tiefen Niveau mehr zurückscheuen, das eigene Grab der Beliebigkeit. (Quote! Und Gewinne am Aktienmarkt – einhergehend mit dem Verlust von Moral & Qualität). Paradoxer Weise lässt sich dieser Betrug aber noch ausreichend subventionieren. Es lebe der EttikettenSchwindel mit der unabhängigen BerichtErstattung.

Hier die Info: Was nachher kommen wird? Echte INFORMATION aus authentischen Quellen (Internet statt Infotainment). Der Grossteil hat sich bereits an die Berieselung des Sehers und den Verrat am Leser gewöhnt (DancingStarmaniacs, PromiKochenDebilos, belanglose Interviews übers Frühstück... Wann kommen die KloPositionen?). Deswegen sind Medien umsonst: weil nur noch Verlautbarungen der Sponsor- & Partnerinteressen in positiven Umfeld erwünscht sind. Go to hell, gekaufter Journalismus!