TEXT|LIFE of KAWEI •|199– •|95 •|96 •|97 •|98 •|99 •|00 •|01 •|02 •|03 •|04 •|05 •|06 •|07 •|08 •|2009 •|10 •|11 •|2012


BEST OF UNVERÖFFENTLICHT: NIKI LIST

Schlechtes Timing:

Zu destroyed – fürn Augustin...


Requiem für einen Film (und einen Menschen)


Niki List (* 28. Juni 1956 2. April 2009) war kürzer Professor (21 Tage) als Johannes Paul I. Papst (33 Tage)


Vom richtigen Zeitpunkt. Alles nur eine Frage des Timings. Und es war schlecht – bad as can be. Am 1. April des Jahres 2009 geht Niki List zur Feier der Filmakademie und kehrt nicht wieder. Kein Scherz, ungünstiges Timing, wie es ungünstiger nicht sein könnte; viel zu früh mit 52 Jahren. Niki List – wie er war – sah gerne und ward gern gesehen. Auch beim Studenten FilmFestival, wofür nicht viele grosse Namen Zeit finden (fernab des Akademiebetriebs). Er hatte Zeit und nahm sich diese auch. Seine grossen Erfolge waren (Film)Geschichte. »Shit happens« oder »Schlechtes Timing« wären gute Filmtitel für eventuelle Comebacks gewesen. Und alles im Film ist vom Momentum der Zeit abhängig – mehr als anderswo. Einst war er der gefeierte Shootingstar der österreichischen Szene, als er 1982 mit seiner Inszenierung der Neuen Deutschen Welle im »Cafe Malaria« reüssierte. Der Streifen kostete die läppische Kleinigkeit von 80.000 Schilling (etwa ~6.000 Euro) und spielte ein Vielfaches des Produktions-Budgets ein. Und bescherte seinem Regisseur Niki List einen Namen, der wohltönend im gesamtdeutschen Raum nachhallte. Dennoch vergass der Filmemacher keineswegs auf seine ureigenste Agenda: auf das soziale Anliegen (das brachte auch 3 Wochen vor seiner letzten Schlussklappe den Professorentitel am 11. März 2009).

Besonderen Platz im Lebensschaffen nimmt eine aussergewöhnliche Trilogie ein. Darin porträtiert List über die Jahre hinweg das Leben von Christian Polster, einem Menschen mit Down-Syndrom. Die herzliche Doku beginnt mit »Mama Lustig« 1984 und erzählt angenehm berührend weiter fortführend in »Muss denken« 1992 über den Alltag mit Trisomie21 (vulgo Down-Syndrom oder Mongolismus). Der Protagonist wird man muss es dazusagen nicht sozialpornografisch als armes Hascherl vorgeführt, sondern nimmt selbstbewusst sein Leben mit all den Höhen & Tiefen, Hürden & Stolpersteinen in Angriff. Auch der letzte Teil 2001 fügt sich in dieses begleitende Konzept: »Mein Boss bin ich«. Alle drei Teile wurden im Fernsehen ausgestrahlt, das damals noch einen Auftrag hatte. Und gutes Timing bewiesen, über beinahe zwei Lebensjahrzehnte.

Obwohl Niki Lists »Shooting-list« als Regisseur lediglich 12 Filme ausweist, filmte der sanfte Phlegmatiker mit dem melancholischen Blick sich in die österreichische und auch internationale Filmgeschichte. Die detektivische Singsang-Saga »Müllers Büro« aus dem Jahre 1986 schaffte es auf Platz 3 der alltime Ö-Kino-Charts (nur Sicheritzens Tribüte an Düringer und Dorfer titels »Hinterholz8« sowie »Poppitz« vermochten es, mehr Kinogänger in die Lichtspieltheater dieses Landes zu locken). Hier war das Timing der optimale Verbündete des Filmemachers Niki List, der aufs richtige & wichtige Thema Zeitgeist gesetzt hatte.

Durchbruch in Deutschland mit Werner Beinhart.

Späte 80er bis frühe 90er Hochkonjunktur – »Ösi-Zeit« in D. Jeder, der konnte, ging nordwärts. Und so kam es, dass Niki List 1990 die Rahmen-Handlung zur Comic-Verfilmung von »Werner Beinhart« um gutes Budget und zu noch besseren Bedingungen bei Bernd Eichinger ablieferte. Dieser Erfolg sollte sich nachhaltig auswirken – aber auch seine Tücken entwickeln, suboptimales Timing also...

Irgendwann gründete List seine Cult-Film, die er dann so nahe liegen Erfolg & Misserfolg im Leben 2002 verkaufen musste und sowas wie ein Bleiberecht aushandelte bzw. gewährt bekam. Zuletzt plante der Filmemacher immer wieder eine Fortsetzung des satirischen Films »Müllers Büro«, das er auch schon als Musical auf die Theaterbühne des Metropols gestellt hatte. Doch um diese Zeit keine Zeit für solche Scherze. Der ewige Wiederverwertungs-Klamauk musste nur herhalten, sobald die Karriere-Ampel auf Rot stand; aber noch blinkten in Deutschland alle Ampel grün. Ein gewagtes witziges, fast schon aberwitziges Projekt scharrte in den Startlöchern und harrte der Umsetzung. Irgendwie die logische Fortsetzung & Weiterentwicklung von »Werner Beinhart« und seinem Freund & Schöpfer »Brösel«... Immerhin sahen 5,5 Millionen Zuschauer den filmischen Bastard, der gezeichnete Sequenzen mit real gedrehten Szenen furios vermischte.

Nick glatt und Vagina pur?

Und dann kam Nick Knatterton: Ein Film, der mit mächtigem PR-Getöse wie die sprichwörtliche Sau durchs mediale Dorf getrieben wurde. Jedoch das Werk liess sich nicht & nicht bändigen, konnte nicht mal fertiggestellt werden. Schlechtes Timing, u know?
Produzent Eichinger hatt für Regisseur Niki List rund 8 Millionen Euro Fördergelder freigeschaufelt (Filmstiftung NW: 1 Million Euro). Das Casting war vom Feinsten, also wurde prominent besetzt.

Nick Knatterton war eine gezeichnete Serie (Comic Strip), der von 1950 bis 1959 in der deutschen Illustrierten ›Quick‹ periodisch erschien. Hauptfigur war ein kahlköpfiger Meisterdetektiv gleichen Namens. Dessen geflügeltes Wort »Kombiniere« ging in den deutschen Sprachgebrauch ein. Autor und Zeichner Manfred Schmidt nahm mit seinem »Knatterton« die amerikanischen Superman-Comics auf die Schaufel und parodierte diese (oder wollte auf den Zug aufspringen?). Der Name wurde aus dem Setzbaukasten lustig zusammen gewürfelt und bezieht sich auf Nick Carter und Nat Pinkerton, »private eyes« aus der Vorkriegszeit in Heftformat. Die dem Wirtschaftswunder verpflichtete und den Fräuleins huldigenden Stories erschienen wöchentlich mit je 2 Bildstreifen, wobei die Handlungslängenstränge sich bei 11 und 38 Teilen einpendelten. Das sollte – seiner Zeit um eine Zeit voraus (die Amerikaner drehten bereits einen Superhelden-Comic um den anderen) – gutes Timing bewerkstelligen.



Dieses Foto stammt ausgerechnet von der Premiere des Falco-Biopics »Verdammt wir leben noch!« am Faschingsdienstag des Jahres 2008. Ich wollte ihn für ein Porträt im AUGUSTIN überreden. Aber er wollte nicht – »I bin definitiv zu destroyed fia a Porträt im Augustin« – Monate später, 2009, wars dafür zu spät. Schlechtes Timing definitiv!





»Müllers Büro« und »Cafe Malaria« wurden Kult,
als es galt den Geist einer Generation festzunageln.




Die Handlung: 1959: Ein Biedermann namens Berthold Wettelsteck liest begeistert Comics, als diese noch Schundhefte hiessen. Besonders begeistert zeigt er sich für die Abenteuer des Nick Knatterton. Eines Tages verschwimmt der Lese-Trash, verkommt zur abstrusen Realität. Und der biedere Protagonist Berthold ist selbst mittendrin, statt nur dabei. Er erlebt, wie Nick Knatterton bei dem Versuch, seiner grössten Widersacherin Virginia Peng die von ihr gestohlene Formel für ein Verjüngungs-Serum zu entwenden, von ihrem Assistenten Professor Bartap mittels einer Injektion in eine Holzstatue verwandelt wird. Virginia Peng selbst fällt in ein Säurebecken, das sie fürchterlich entstellt.
Zeitsprung:
1999, vierzig Jahre später: Berthold Wettelsteck steckt in einer merkwürdigen WG mit seiner Teenie-Tochter Isetta und dem Hund Knirps. Er hat sich seine Weltenferne bewahrt, sammelt und liest immer noch Comics. Im musealen Teil seines Zimmers steht der hölzerne Nick Knatterton als eine Art Totem vor einem Altar und hält Wache. Als dieser plötzlich zum Leben erwacht, werden Berthold und Isetta erneut in den Konflikt zwischen Nick (der glatte Phallus?) Knatterton und Virginia (die Vagina?) Peng – bängen oder knattern? – katapultiert. Mit Partner in crime Professor Bartap versucht sie immer noch, jung und schön zu werden. Fräuleinwunder und voll Klischee – oh weh, unzeitgemässes Timing.

Jens Schäfer, Jeanette Hain, Kordula Kohlschmitt, Axel Milberg und Wolfram Berger sollten den »Meister Proper« unter den Detektiven staubfrei aus den 50erjahren ins Kino des 21. Jahrhunderts beamen. Der Film wurde zwar abgedreht, doch dann verunglückte der Produzent Werner König im November 2000 während der Motivsuche für den Film »The Extremists« über risikofreudige Skifahrer in der Nähe des Wintersportorts Verbier tödlich. Und schon nahm das Verhängnis seinen Lauf, das Timing erwies sich plötzlich als unbewältigbar. Der »Motor des Projektes« fiel auf tragische Weise aus. Um den Film wurde es still, und er wurde bis heute nicht offiziell veröffentlicht – was mehrere Günde hatte, die auf einen bösen Anlass zusammenfielen. Schlechtes Timing, wie gehabt!



Von Charakterkopf zu Charakterkopf


Nullnull (annp 2000) nahm die Mutterfirma Helkon Media AG zuviel Risikokapital in der Dotcom-Blase und erlitt Realitätsverlust wie auch Schiffbruch. Da brauchte man keine krude Fiktion, sondern die reale Wirklichkeit in Bilanzen & Büchern. Oktober 2002 eröffnete das Münchner Amtsgericht das Insolvenz-Verfahren. Das gedrehte Filmmaterial von, mit & über Nick Knatterton wurde der Konkursmasse zugeschlagen. Alles weitere steht... – seither in den Sternen. Im Film festgefroren die klischeehaften Rollenbilder der 1950er und 1960er Jahre, die »eine sozialethisch problematische Vorbildwirkung ausüben«. Da würde nicht mal der Verweis auf die gerne ironisch betriebene dramaturgische Überhöhung darüber hinweg helfen. Die Gegenspielerin Virginia Peng zeigt sich einerseits in Knatterton verliebt, möchte ihm aber andererseits vernichten. Mithilfe einiger goldgräberischer Halunken (»Die Goldader von Bloody Corner«) sprengt sie das Haus in die Luft, wo sich Knatterton befindet. Ausserdem eifersüchtig auf jede weibliche Partnerin Knattertons (was auch Grund für die Explosion gewesen war).




Niki List etablierte 1986 den Kinofilm »Müllers Büro« als bizarre Satire. Damit gelang ihm mit 441.000 offiziell gezählten Besuchern der drittgrösste Publikumserfolg im Ö-Film (davor in den Kinocharts nur Sicheritzens Tribüte an Düringer & Dorfer mit »Hinterholz 8« sowie »Poppitz«)




»Falco – Verdammt wir leben noch« erreichte 154.677 Besucher als 15.bester Film (Stand 2009). Also toppte Niki List das Thema Falco, bei dessen Premiere diese Aufnahme gemacht wurde –
hinter der Kamera Conny de Beauclair, 5.2.2008 in der Halle E, Museumsquartier.

Eine Testvorführung während der ›Münchner Filmwoche‹ rief die Kritiker auf den Plan und beschämende Resonanzen hervor: Gewalt würde eine zu starke Rolle spielen, befand die Presse, selbst wenn Brutalität oft nur andeutungsweise im humoresker Weise vollzogen würde. Der von Buch & Regie beabsichtigte parodistische Effekt erschlösse sich kleineren Kindern kaum, was eine Freigabe in der Zulassungs-Beschränkung bis zum 6. Lebensjahr erforderlich gemacht hätte. Das Werk ging baden, schlechtes Timing. Und es blieb nicht der einzige Flop, wenn es auch der letzte finale Misserfolg sein sollte, der an den strapazierten Nerven des lange zurückliegenden erfolgsverwöhnten Regisseur Niki List zehrte.


»Helden in Tirol«, das Werk davor, aus dem Jahre 1998, konnte um Jahre zuspät realisiert werden und verkam zur kompletten Farce – wie vieles, sobald das Timing nicht mehr optimal passt. Und so wie mit unerschrockenem Kalkül die independent Schnellschüsse »Cafe Malaria« und »Müllers Büro« gelungen waren, so perfekt missraten ging das rustikalpine Musical in Tirol in die Lederhose (trotz eines synchronsierten Christian Schmidts und einer komplett nackten Elke Winkens). Niki List schuf und schaffte alles zu Beginn seiner unvergleichlichen Karriere, als er noch ein Nobody war. Am Ende war er ausgepowert und depressiv, sagte er im Gespräch im Museumsquartier, in der Halle E, Monate vor seinem viel zu frühen Abgang. Und seine Worte in diesem Zusammenhang für ein Interview-Ansinnen waren: »Na, I bin definitiv zu destroyed fia a Porträt im Augustin, der Obdachlosenzeitung. Da müssen andere Leute vorkommen. Leute, die a Hoffnung haben... Später vielleicht...« – Schlechtes Timing meinerseits...
R.I.P – rest in pictures!
Abspann, Schlussroller. Over + out.







Am 1. April 2009 ging Niki List auf eine Premierenfeier anlässlich des Studenten-Filmfestivals der Filmakademie Wien und kehrte nicht wieder heim. Bei der Aftershow-Party stürzte er und verletzte sich schwer. Rettungskräfte stellten um 2 Uhr früh den Tod fest (infolge des Sturzes oder Herzversagens).