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BEST OF UNVERÖFFENTLICHT: CHRISTOPH SCHLINGENSIEF (1960 - 2010)

unautorisiert – forever: Tief. Intensiv. Schlingensief.


Lovely
Schoßhund im Kampfhundepelz

Einmal hatte ich das Vergnügen, Christoph Schlingensief zu interviewen.: »Extrem gut gelaunt – und voller Hass«.
Und das wollte niemand veröffentlichen (und schon gar nicht autorisieren)*: KOSTPROBEN:
»Helmut Kohl ist im Delirium.« – »Ich will, dass es den Deutschen schlecht geht!« – »Was ich jetzt vorhabe, ist wesentlich gewalttätiger.« – »Ich verachte die Arbeitslosen!« und »Ich beschimpfe Arbeitslose, weil ich glaube, dass sie faule Schweine sind.«

Text by kawei (Schriftsteller | see: Books of Karl Weidinger im Androkles Verlag)

Christoph Schlingensief, der Ruhrpott-Rabauke aus Mühlheim wurde vom deutschen Feuilleton als infantiler Scharlatan (Die Zeit) gehandelt, bis sich dann – Jahre später – plötzlich alle in seine politisch-kindlichen Petitessen verbrunzt hatten... Der Hausregisseur der Volksbühne in Berlin und Aktionist vom Wolfgangsee gibt sich in diesem frühen Interview (1998) kämpferischer denn eh und je. Frei nach dem Spruch von Walter Benjamin: Immer radikal, niemals konsequent – der »Lovely Schoßhund im Kampfhundepelz« – zähnefletschend im Zuckaus-Modus....

Herr Schlingensief, erste Frage (Wohlfühlfrage): Über Ihre Freundschaft zu Helge Schneider.

Wir sind befreundet, haben lang zusammen in Mühlheim im selben Ort gelebt und kennen uns seit 1982 über einen Avantgarde-Regisseur und Professor für Filmkunst (Werner Nekes, Anmerkung), der hat uns zusammengebracht. Da hab ich Helges erste Auftritte gesehen, wo er noch ganz alleine aufgetreten ist vor 14 oder 7 Leuten.

Und der macht auch Musik dazu?

Ja, bei »Begnadete Nazis«, den »120 Tagen von Bottrop« und hat auch schon mitgespielt: in »Menü Total« und »Mutters Maske«.

Und nun – erste wirkliche Frage –: Waren Sie schon arbeitslos?

Ich war in Mülheim an der Ruhr extrem oft arbeitslos. Ich habe auf dem Filmsektor gearbeitet. In Österreich laufen meine Filme manchmal im Fernsehen. In Deutschland werden alle meine Filme grundsätzlich abgelehnt, und ich habe ungefähr 35 Drehbücher geschrieben, von denen habe ich 8 Stück gefördert bekommen im Laufe von 8 Jahren, den Rest war ich arbeitslos.

Wieviel Vermögen besitzen Sie privat?

Ich, privat! 7000 Mark (~3.500 Euro).

Was haben Sie für eine RTL-Show von »Talk 2000« bekommen?

Ähja 3.000 Mark (~1.500 Euro) pro Folge, Harald Schmidt kriegt 35.000 Mark (~17.500 Euro).

»Noch nie war es so einfach, mit geringem Aufwand, soviel zu erreichen!« Kennen Sie den Radio-Provokatuer Howard Stern (»Private Parts«), von dem dieses Zitat stammt?

Ja, ich bin in den 80er-Jahren gross geworden. Die genialen Dilettanten haben aus Überzeugung gehandelt. Überzeugung braucht nicht unbedingt viel Geld. Aber Geld ist ganz sicher entscheidend. Das Leben ist sehr stark interessiert am Zersetzungsprozess. Alles, was Zersetzung heisst, ist medial wirksam, darf gezeigt werden, muss gezeigt werden. Die Ticker werden heiss. Alles, was lebensbejahend ist, affirmativ und das Selbst eines Menschen wieder nach vorne kehrt, ist uninteressant. Da das Leben nur aus Zersetzung besteht, spielt das Geld so eine grosse Rolle, weil das Geld einfach Zersetzungsprozesse gut übertünchen kann. Hinter dem Geld ist die grosse Zersetzung. Ich habe bei allen meinen Sachen immer aus voller Überzeugung gehandelt. Und das tue ich auch weiter und bin nach diesem Jahr extrem gut gelaunt und voller Hass. Und das ist, was mich so beflügelt. Weil ich jetzt tatsächlich glaube zu wissen, dass ich mit 85% der deutschen Bevölkerung nichts zu tun hätte, ausser sie einzusperren. Und das werde ich auch weiter praktizieren. Daraus besteht meine Kunst!

Sind das die Erkenntnisse aus dem Wahlkampf mit der Chance 2000?

Mit »wähle dich selbst« ging es darum, das Selbst nach vor zu stellen. Das Selbst ist aber nicht so interessant wie der Zersetzungsprozess, und deshalb hat die Partei sehr viel bewiesen: nämlich dass Politik daraus besteht, dass man nur – weil man an Zersetzungsprozessen teilnimmt – nachher Öffentlichkeit bekommt. Und das ist eine Erkenntnis, die zweite ist: dass wir nicht geglaubt hätten, dass sich so ein Ding so weit entwickeln kann. Wir haben das im Theater gegründet und dann ins Leben rausgelassen. Wir haben geglaubt, das geht so landesverbandsmässig weiter. Es ist aber dann zu 8 Landesverbänden gekommen und zu einem Büro in Sarajevo, Paris. Es gibt jetzt insgesamt; ach ich weiss gar nich... Also Unmengen an Aktivitäten und Aktivisten. Mittlerweile gibt es sogar eine Richtung von Leuten, die sich »Chancisten« nennen – Changisten! Da sind wir sehr oft an die Grenzen geraten, weil Chancist sein, heisst auch, nicht immer gleich Solidarität brüllen. Das ist ja ´ne Selbstbewusstseins-Maschine, die verlangt keinem mehr ab, sich solidarisch zu erklären mit Minderheiten! Sondern er kann sich selber als Minderheit begreifen und kann deshalb auch egoistisch vorgehen. Aber er ist dabei natürlich Pfadfinder.




Protokolle des Scheiterns:
Das Interview war eine Katastrophe – zu seiner »Chance 2000«. Anlässlich des Ablebens soll es hier nochmal eine Chance erhalten, quasi als »Chance 2010«.


































ZITAT zur »Chance 2000« als Partei der Arbeitslosen:
»Dass ich mit 85% der deutschen Bevölkerung nichts zu tun hätte, ausser sie einzusperren. Und das werde ich auch weiter praktizieren. Daraus besteht meine Kunst!« Provokation total, jedes Reizthema wird vereinnahmt – ohne Rücksicht auf Verluste. Hauptsache: eigenes Vorkommen!

In einer österreichischen Zeitung stand zu lesen, dass die Chance 2000 mit 90.000 Mark (~45.000 Euro) in der Kreide wäre, und dass Sie die Wahlplattform jedem überliessen, der die Schulden begliche...

Hehe, also wir haben mit der Chance 2000 das grösste Theaterstück aller Zeiten in Deutschland jedenfalls versucht. In Österreich hatten wir damit auch grossen Erfolg. Von Herrn – wie heisst der noch? – der durchgeknallte Bürgermeister von Salzburg (Dechant, Anm), der Idiot, so ´n Idiot war das da, ich hab den Namen vergessen, der...

Jedenfalls dieses Theaterstück ist wirklich eines der grössten, das hier gehandelt und besprochen wird, hat inszenatorische Qualitäten gehabt. Das ist auch mein Bereich, in dem ich mich auskenne, und ich bin auch medial sehr bewandert und weiss da einiges. Dieses Theaterstück besteht aus einem 5. Akt. Und der Konkurs, den wir angekündigt haben, war der Beweis, dass Zersetzungsprozesse interessant sind. Wenn eine Partei sich auflöst, Konkurs hat, alles bricht in sich zusammen, spiegelt es die latente Wahrheit wieder. Das ist, wo wir uns in Deutschland und sicher auch in Österreich, in Europa, alle treffen. Bei der grossen Angst, dass der Börsencrash kommt. Es gibt führende Chancisten, die in der Wirtschaft tätig sind, und den Börsencrash indirekt mitfördern. Das sind Leute, die subversiv tätig sind. Diese Chancisten behaupten, der Börsencrash muss kommen – darf auch kommen – einfach zur Befreiung! Damit man wieder weiss, dass es so nämlich nicht laufen kann. Die DAX-Kurve ist nicht das Leben – das ist die Täuschung dessen. Herr Schröder sagt zwar auch das Gegenteil – aber es stimmt einfach nicht. Deswegen haben wir diesen Punkt mit dem Konkurs in die Zeitung entlassen. Um zu überprüfen: ist das interessant! Es gab hier nie einen Konkurs, es gab auch nie einen Konkursantrag – völliger Blödsinn! Das ist Teil der Inszenierung gewesen. Es gibt hier keine 7 Käufer oder sonst sowas. Das Ding ist kommerzialisiert, die Partei geht einen nächsten Schritt in die Marktwirtschaft. Man kann Teile der Partei kaufen, man kann Optionsscheine erwerben, bis jetzt sind es cirka 1200.

Und wenn Sie jetzt die Wahlen erfolgreich schlagen – woran ja niemand zweifelt – wenn Sie seitens der Wählerschaft mit einem Mandat beauftragt werden...

Woran zweifelt keiner?

Na, dass Sie Erfolg haben werden! Oder?

Dass wir in den Bundestag kommen? Ach, von wegen! Das ist doch klar, dass wir nicht reinkommen. Wir haben 8 Landesverbände – und einen vorgehabt! Bei 8 ist es so, dass man einen Bundesdurchschnitt bräuchte praktisch von 10%. Und das ist ja Schwachsinn, die FDP hat ja noch nicht mal 4%.

Aber wenn man sich die vielen Prognosen von den DVU anschaut, die scheinen das zu schaffen? Ist das die erbittertste Konkurrenz, erschüttert Sie das nicht?

Zur Chance 2000? – Wo haben Sie denn das gelesen?

Also rein hypothetisch – wenn Sie doch in den Bundestag kämen – was würde sich ändern?

Nee! Wir kommen nicht rein! Ich sage Ihnen, wir sind eine Referenzpartei. Und wir sind auf den Weg – praktisch – in den öffentlichen Untergrund. Wir haben Argumente gefunden. System 1 ist für uns erledigt und wird von uns auch erledigt. Wir werfen keine Bomben, usw. Wir sind nicht auf dem Weg der RAF. Aber wir haben öffentlichen Terrorismus, der nennt sich familiärer Terrorismus, im Auge. Und das werden wir subversiv einsetzen. Da gibt es tatsächlich in den höheren Ebenen Verbündete – das glaubt ja keiner! Es geht nicht mehr darum, den kleinen Wurm zu mobilisieren, der dann plötzlich sagt: ich bin auch mal dabei, ich armes Schwein! Die sollen mal aufhören mit ihrer Wehleidigkeit. Ich nehme keinen mehr in Schutz. Und ich glaube, man muss im Grossen – von oben – die Sache explodieren lassen. Und dann kann man endlich wieder sehen, was passiert. Darauf kommt´s an! Das will ja auch der kleine. Der Kleine will, dass es oben knallt. Nicht unten! Und das kriegt er auch bald.




Gut hat er's können! Aufruf zur Selbstentsorgung?
Alles, was ich interview-mässig versuchte, war eine Katastrophe (und unverkäuflich, Autorisierung kannst dir sowieso aufzeichnen). Und das Schöne daran – Du verdienst kein Geld. Aber gut, in den Medien, wie sie jetzt aufgestellt sind, wird kein »Freier« mehr so schnell Geld verdienen...

Und die Aufforderung »Tötet Helmut Kohl«, die gibt es jetzt nicht mehr im Wahlkampf?

Nee, warum auch! Wir sind die erste Partei gewesen, bzw. ich war die erste Person in Deutschland, die Helmut Kohl vor zweieinhalb Jahren seine Krankheit genannt hat. Helmut Kohl ist mittlerweile im Delirium, glaubt er wäre ein Elefant, er steht im Wolfgangsee rum, macht davon Plakate. Wir sind der Meinung, der Mann ist schwer krank! Und das ist er auch! Der ist nicht mehr ganz dicht im Kopf, und den muss man nicht töten, dem muss man helfen! Und das ist auch das, was wir machen. Wir helfen! Deutschland ist zu blöd, ihn abzuwählen. Deswegen muss man dafür plädieren, ihn zu erhalten. Wir wollen, dass Helmut Kohl Kanzler bleibt! Damit die Kotze den Deutschen endgültig an den Ohren rauskommt. Und dann gibt´s in zwei Jahren hier den richtigen Aufstand. Der Deutsche ist noch nicht reif genug. Der Deutsche muss noch reifer werden.

Fürchten Sie nicht, dass er Sie attackiert? Kanzler Kohl hat in der ehemaligen DDR einen Tomaten werfenden Demonstranten tätlich angegriffen.

Da wär er schön blöd! Nein, das hat er ja nicht nötig. Ich meine, der Mann hat ja Verdienste, und er hat Grossartiges geleistet für Deutschland. Der hat es geschafft, das Hunderttausende einheitlich denken, und das hat vorher nur Adolf Hitler geschafft. Das ist wirklich etwas ganz Erstrebenswertes. Er hat es wirklich geschafft, dass Deutschland keine eigenen Ideen mehr hat und nur mehr so vor sich hinturnt und lebt, usw. Und 6 Millionen ist ja auch eine Parallelzahl aus dem 2. Weltkrieg. Also, er hat schon viele Vorbilder auch und hat da sehr konsequent weitergearbeitet. Aber eben mit den modernen Mitteln der 80er-, 90er-Jahre. Das muss man ihm zugute halten. Er ist kein altmodisches, rechtsradikales Arschloch – das ist er nicht! Aber er hat sehr grosse Ideale fortgeführt, transformiert in die 80er- und 90er-Jahre. Darum verehren wir ihn auch!

Till Eulenspiegel, Kasperl, Hanswurst waren einst Rebellen: Wie stehen Sie zu diesen Figuren?

Till Eulenspiegel, das ist eine hochangesehene Figur. Die höchste Form der Anerkennung ist die Karikatur, das hat gestern noch Bazon Brock gesagt, hier in Berlin.

Till Eulenspiegel hat es wirklich gegeben und ist im wirklichen Leben gehängt worden.

Ja, dann hat er halt Pech gehabt! Oder Glück? Keine Ahnung! Ich weiss ja nicht, an welchem Punkt der war. Wenn er schon an dem Punkt gewesen war, dass er gesagt hat: sind sowieso alles nur noch Drecksäcke, dann ist er wahrscheinlich sogar erlöst gewesen. Ich könnte mir so einen Erlösungstod nicht vorstellen. Ich bin gerne auf der Welt, und ich glaube auch, dass ich weiterhin für das ideale Leben eintrete. Und das werde ich aber mit anderen Mitteln machen als sonst. Ich glaube, die Zeit der Weichheit und der Freundlichkeit usw, das ist weg! Mein Potential an Verachtung ist wesentlich gestiegen.

Zurück zu den Arbeitslosen. Glauben Sfie nicht, dass Sie die missbrauchen, wenn die sich als Sozialplastik von Schlingensief´scher Konzeption sehen können?

Ja, die missbrauche ich, und es geschieht ihnen recht! Ich beschimpfe sie, und ich verachte sie! Ich verachte die Arbeitslosen!

Und Sie haben mehrfach erklärt, keine Message zu haben!

Stimmt ja nicht. Natürlich!

Also im »Talk 2000« – aber wahrscheinlich war das nicht so ernst zu nehmen?

Das ist ein Relikt aus den 60er-Jahren: Eh, sag mir mal deine Message, und ich sag dir, wer du bist. Also, ich glaub´ da sind wir auch schon drüber. Ich habe natürlich Lebensideale und Ziele, ich habe aber auch sehr viele Selbstzweifel. Ich habe auch schon davon geredet, dass meine Message unwichtig ist, aber dass mein Selbstzweifel lebt. Alles, was ich mache, ist Ausdruck von Selbstzweifel! Das kennen aber viele aus der Politik nicht mehr. Der Selbstzweifel ist zugekackt mit Geld. Und deshalb geht es denen so gut. Deshalb sollten wir dafür sorgen, dass es denen wieder schlechter geht, und dafür stehe ich grade. Ich will, dass es den Deutschen schlecht geht.

Und ihr Aufruf zur Selbstentsorgung?

Man soll nicht so tun, als wären andere für die Problemlösung zuständig. Wenn hier die Müllabfuhr nicht funktioniert, dann gibt´s ne Telefonnummer. Da ruft man an und kann sich beschweren. Da sind Leute, die machen und verstehen ihren Job. Einen Job, den man nicht gerne macht – das ist schon klar. Das sind wirklich Leute, die bewundere ich! ...Und trotzdem, wenn man immer nur rumsitzt und hat nix zu tun und ist zu faul, um den Arsch hochzukriegen und wirklich mal was in Bewegung zu bringen usw., dann bin ich dafür, Radikalmassnahmen zu ergreifen: Entweder die Leute zwingen, dass sie arbeiten, bis sie endlich mal kapieren, dass es darum geht, nicht irgendwas zu arbeiten, sondern einzuklagen, dass man was besonderes arbeitet. Das wird ja nicht gemacht! Die Leute gehen nur noch den Weg und sagen: ich will nicht arbeiten. Dann werden sie zwangsverpflichtet! Wir sind ja wieder beim 3. Reich angekommen. Herr Kanther (Anm.: Innenminister, CDU) praktiziert ja schon den 2. Weltkrieg. Dann müssen sie Apfel ernten. Aber ich bin ja dafür, dass sie das machen! Bis ihnen klar wird, dass sie missbraucht werden, von vorne bis hinten. Und solange sie das nicht endlich kapieren, verachte ich sie!

Na okay, und mit dem Langzeitarbeitslosen Werner Brecht, den Sie als »Porno süchtig« hinstellen?

Ja, iss er ja auch!

Unterstützen Sie da nicht auch dieses System, indem Sie ihn so vorführen? Damit arbeiten Sie diesen Leuten ja in die Hände.

Na, was glauben Sie, wie man mich vorführt! Was meinen Sie, was man bei mir macht!

Bei Ihnen ist das selbst gewählt. Sie suchen die Medien und die Öffentlichkeit.

Naja, bei Herrn Brecht ist das auch alles selbstgewählt, ich verpflichte ihn ja nicht. Er hat ja keinen Vertrag oder Schadensersatzforderungen gestellt. Er kommt gerne, er kommt immer wieder. Wie Achim von Paczensky, der vor 8 Jahren, als ich ihn kennenlernte, kein Wort gesprochen hat. Ist jetzt mittlerweile verlobt, lebt ausserhalb des Heims, ist völlig selbstständig, flirtet, dealt mit polnischen Zigaretten und ist einer der jetzt... – Das ist der andere Punkt: mir wirft man vor, ich missbrauche! Wissen Sie, wo Achim von Paczensky arbeitet?

Nun, wie sollte ich?

In einer Hünerschlachterei. Der muss jeden Tag 150 Hühner köpfen! Dafür sind Behinderte gut genug in unserer Gesellschaft. Das können sie machen! Wenn sie aber da filmen wollen und zeigen wollen, wie Achim von Paczensky seine Arbeit verbringt, auf die er ja dann auch noch stolz sein soll – angeblich! Dann wird ihnen Kameraverbot erteilt. Nein, das darf nicht sein, weil man darf Behinderte nicht mit Frischfleisch zusammenbringen. Das darf man nicht! So pervers sind wir mittlerweile!

Ich kenn den nicht, in welcher Form ist der denn behindert?

Der ist in der Landesklinik Tolkwitz grossgeworden. Der ist mit 20 oder 22 eingeliefert worden, noch zu DDR-Zeiten, hat dort immer gelebt, ist aber seit drei, vier Jahren raus. Und ist jetzt in einem Betreuten-Wohnheim und verlobt usw.

Was werden Sie nach der Wahl machen?

Am 28. September 2000 bekomme ich hier in Berlin einen Preis überreicht!

Was für einen, wenn ich fragen darf?

Darf ich noch nicht verraten!

Also Geheim! Und für den »Steirischen Herbst« haben Sie auch was vor, Sie sind ja engagiert?

Am 3. Oktober 2000 gibt´s da einen Kongress in Berlin. »Abschied von Deutschland – Abschied als Angriff«. Abends werde ich nach Graz fliegen und am 4. Oktober 2000 geht dann in Graz die Aktion los: Künstler gegen Menschenrechte: »Entsorgung für Graz«.

Dario Fo bekam den Nobelpreis für Literatur. Rechnen Sie damit, als Enfant terrible in einer Reihe mit schauspielernden Autoren und Theaterdirektoren wie Nestroy und Moliere, auch noch damit bedacht zu werden?

Selbstverständlich!

Wollen Sie sich Ihren Preis nicht in Naturalien, in Produkten der Firma Dynamit Nobel auszahlen lassen, um damit vielleicht endlich etwas Wirksames anzustellen?

Ja, wenn Sie Zerstörung als wirksam ansehen, dann wäre das sicher richtig. Aber ich habe schon gesagt, dass Bombenwerfen nicht in der Form für mich interessant ist. Fassbinder hat gesagt: Ich werfe keine Bomben, ich mache Filme. Und ich mache auch Filme.

Doch eine Veränderung, denn Ihre Aufrufe zum Töten waren ja nicht gerade gewaltfrei?

Was ich jetzt vorhabe, ist wesentlich gewalttätiger. Aber subversiv gewalttätig. Nicht alles, was als Oberfläche da ist, ist auch der Inhalt. Ich bin nicht der einzige. Wenn Sie in die Politik gucken, da wird zwar geredet von Friede, Freude, Eierkuchen, aber in Wirklichkeit ist hinten der Krieg eröffnet. Und das muss man den Leuten weiter klarmachen. Und deshalb sind wir, die Chancisten, für den Börsencrash. Wir wollen, dass er kommt. Und er wird kommen, und deswegen sehen Sie im Fernsehen pausenlos Leute, die sagen: da wird nix passieren und man kann weiter Aktien kaufen. Es wird doch was passieren, und die ersten die verheizt werden, sind die kleinen Aktionäre. Die Grossen haben sich sowieso ihre Schäfchen schon reingebaut. Und genau da setzen wir an: Wir kümmern uns um die Grossen. Und da sind wir subversiv tätig. Und deshalb sind wir wesentlich gewalttätiger, weil unsere Detonationen finden oben statt. Die unten stattfindenden werden von denen eingestillt, die oben sind. Aber die können nicht mehr eingestillt werden, weil die oben eliminiert sind – dafür werden wir sorgen!

Wie werden Sie dafür sorgen?

Das werden Sie schon sehen!

Noch in diesem Jahr, oder in absehbarer Zeit?

Na, mit der Chance 2000 haben Sie schon einige Sachen wahrgenommen. Sie haben auch gerade über Medieninstallation was lernen können! Also, das ist auch bei vielen Presseleuten auch angekommen, mittlerweile. Wenn man die Chance 2000 betrachtet hat, hat man die grösste Theaterinszenierung aller Zeiten gesehen, und hat auch was über Medieninstallationen lernen können. Es kommen noch zwei Bücher dazu raus. Da gibt es sehr viel Interessantes, was wir als Erkenntnis anwenden werden. Um zu beweisen, dass der Zustand, den wir haben, nicht der Zustand des Lebens ist und eben auch durch Medieneinsatz nicht zu dem werden kann. Abgesehen davon, dass man Erkenntnisse schöpft. Wenn man aber alles verstehen will und nicht mehr handeln kann, dann wird das Licht nie mehr leuchten. Denn wenn man das Licht nur dann anmacht, wenn man schon weiss, was Elektrizität ist, dann wird man niemals helles Licht bekommen.

Im Film »Die 120 Tage von Bottrop» gibt es eine Fellatio-Szene mit Volker Spengler. Hat der mit Kapuze Vermummte schon vorher von seinem Glück gewusst?

Volker Spengler und er haben schon ein oder zwei Abende im Wohnwagen miteinander verbracht. Ich weiss nicht, was die dort gemacht haben. Der Film spielt ja auf die »120 Tage von Sodom« an und spielt – medial betrachtet – darauf an, dass Filmedrehen und Inszenieren letztenendlich auch etwas sehr stark Faschistoides ist: Komparsen durch die Gegend zu scheuchen. Und alleine das Leben auf eine Klappe zu reduzieren. Das ist eigentlich schon ein Mord... ja, ein Mord für sich!

Aber ist das nicht ein Missbrauch? Menschenverachtender stilisierten nur die von Ihnen bekämpften Nazis die aufmaschierenden Heere zum Gesamtkunstwerk auf öffentlichen Plätzen. Jeder einzelne ist wichtig – nicht als Teil des Ganzen, sondern als Teil des Ornamentes. Ist das nicht eine Parallele. Oder ist das durchaus beabsichtigt?

Also wenn man das so sehen will, so soll man das so sehen! Ich wünsche viel Spass dabei. Ich kann Ihnen aber sagen: Was Herr Minister Kanther mit den Asylbewerbern macht, ist wesentlich faschistoider, als wenn man versucht, 6 Millionen Arbeitslose zu beschimpfen. Ich beschimpfe Arbeitslose, weil ich glaube, dass sie faule Schweine sind. Dass es Leute sind, die nicht mehr bereit sind, in irgendeiner Form wirklich ihre Macht auszuspielen und die Regierung zu stürzen. Sondern die wieder nur das kleinere Übel machen, wieder nur herumhängen, usw. Und das möchte ich mal gerne wissen, warum das so laufen muss. Und deshalb nehme ich die nicht mehr in Schutz. Sondern deshalb beschimpfe ich die so lange, bis sie vielleicht selber sich wehren.


(befroffene Pause)


Und dann das, was Herr Minister macht, nämlich, dass er Asylbewerber in Kriegsgebiete abschiebt. Der Minster Kanther ist der erste, den wir nach der Machtergreifung abholen und in ein Lager bringen werden. Der ist der erste, der in ein Krisengebiet abgeschoben wird, das sich gewaschen hat. Das ist faschistoid. Was Herr Minister Kanther macht ist faschistoid! Das Beschimpfen von Faulen... Ich sage nicht alle, das müssen sie unbedingt reinschreiben – ich will das vorher lesen, bevor Sie das drucken...

.... Ich drucke ganix....

.....Also, was diese Leute ausmacht, da sind von 6 Millionen 5 Millionen, wirklich an einem Punkt angekommen, wo man sich fragen muss: was ist da los, und ist das das neue Theater?

Danke fürs Gespräch!




Hard Experience: Infantiler Scharlatan: Du kannst alles von ihm gesagt kriegen; aber wenig autorisiert. – Deswegen kam er fast nur in elektronischen Medien.



















Pubertät forever: selbst ausgerufene Dekadenzkunst als immerwährender Kindergeburtstag,
getarnt als das künstlerische Happening. (Die Huldigung seiner – meist weiblichen – Fans ist vergleichbar mit jener Adorations-Haltung, die Dieter Bohlen entgegen gebracht wird.)



Der Medienkünstler IMMER zur rechten Zeit:
immer für starke Sager gut – und immer (ganz wichtig): stramm Links & immer stramm gegen Rechts? – Immer gab es irgendwo Nazis zu sehen. Und immer rotzig bis trotzig.
Wenn man gar nichts kann, macht man aus allem Kunst. Um dabei immer beim Thema »ich = Kunst« zu bleiben. Nachfolger als reine Dekadenzkünstler: Johnathan Meese. Helene Hegemann.



Der grosse Nachdenker?
Weder Vor- und schon gar kein Querdenker, mehr Bedenkenträger. Auch rief er zur Selbstentsorgung auf – aber nur solange er gesund war. Inkonsistent & inkonsequent. Frei nach dem Spruch von Walter Benjamin: Immer radikal, aber niemals konsequent – sodann bleibt man auch: »Lovely Schoßhund im Kampfhundepelz«













Meine PrivatMeinung: Ein fürchterlicher Opportunist, der sich nie-nie-nie mit jemand Wichtigem angelegt hatte: Bestes Beispiel das Arschelecken in Bayreuth. Beleidigen konnte er Arbeitslose & Behinderte viel besser... Das schadete seiner »Arbeit« auch nicht.


Nach dem Interview: Dann kam sein Pressesprecher
übers Telefon Jochen oder Jürgen Kemphausen,
der dann allerhand infrage stellte (und neue Passagen herstellen wollte, so a la: Ich erklär Ihnen jetz, was geht – und was nich...)


Aber, aha, holla: Autorisierung?
Sorry! SOLLTE UMGESCHRIEBEN WERDEN....
Warum eigentlich, wenn ich alles mitgetaped habe?
(Ich machte ihn 3x darauf aufmerksam, dass ich das alles so schreiben wolle... Der Mitschnitt ist vorhanden – in genau dieser Form.)


Für die Jeli Elfinek war er der unerfüllte Fick. Der sublimierte Traum: Eros & Thanatos in einem Stück mit immer heissen & feuchten Aktionen.
– Ich empfand sein vordergündiges Wirken als recht mühsam. Egal, ist hiermit auch Geschichte. Seine letzten Jahre gingen an mir vorbei.
*) Anmerkung: Eine entschärfte, deutlich verharmloste und runtergekochte Version gelangte dann doch noch in ein Medium, damit ich nicht gänzlich umsonst gearbeitet hatte.
 

4xiges persönliches Zusammentreffen:

(1) InterviewSituation,
wie hier beschrieben.

(2) nach der Aktion in der Remise in Wien (»Begnadete Nazis«, 1996),
wo man im Wohnwagen rudelbumsen wollte;
sich aber dann nicht traute, weil Kulturstadtrat Marboe was dagegen hatte... Und als es um Subventionsgelder ging, war gleich Schluss mit Provokation.

(3) mit Blixa Bargeld;
er Megafon augeborgt, gemeinsam
@ Container, 2000; vor Neubauten-Arena/Openair.

(4) Stuckrad-Barre wollte ich im WUK interviewen,
hab ich dann aber bleiben lassen,
als ich den Christoph in der Garderobe sah – später kam der als »Klaus Meine von den Scorpions« auf die Bühne, um was Reingekoxtes aus dem »Deutschen Theater« zu lesen.