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PRINTERVIEW

Alm: A Show bis Ende Oktober

Barbara N. übersommert alljährlich als Sennerin & Hüterin.

 

Weniger als 5 Prozent der Erdoberfläche weisen 3000 und mehr Höhenmeter auf. In den österreichischen Alpen finden sich gleich sechshunderteinundvierzig (641!) Dreitausender, und zwei Drittel der Fläche sind nach EU-Definition »Berggebiet«, das es schützend zu erhalten gilt. Und dieses Berggebiet kann ein Quell von Freude, aber auch von harter Arbeit sein – Saisonarbeit der anderen Art, sozusschreiben auf allerhöchster Ebene.

Barbara N., zieht es nach oben – zur High Society. Um temporär eine Hochalm-Managerin zu sein. Die 36jährige Wienerin ist gelernte Sozialarbeiterin mit Diplom. Bis Ende Oktober wird sie auch heuer wieder als Hirtin & Sennerin bei einer regionalen Genossenschaft in den Karnischen Alpen angestellt sein. Und die Burschen in dieser Region haben sich bereits an die frohgemute Städterin in der zünftig Krachledernen mit dem sonnengelben Schopf gewöhnt. Sie werden das glockenhelle Lachen vermissen, sobald im Oktober der Almabtrieb erfolgt ist. Bis dahin wird Barbaras einjähriger Border-Collie namens »Merlin« der einzige männliche Begleiter bleiben, den sie an ihrer Seite duldet.

In Herrschaftssitz sind drei Hütten zwischen 1500 und 2200 Meter Seehöhe. Davor tummeln sich 78 Rinder, 2 Pferde, 5 Hühner, Rudeln von Gämsen, wobei es die grösste Zusammenrottung auf gezählte 47 Exemplare bringt, sowie ca. 60 Schafe (die der Schreiber dieser Zeilen aber nicht genauer eruieren kann, weil er ansonsten in dieser Idylle in Morpheus Armen versänke). Oberhalb zieht der Adler seine Kreise, damit der unbedarfte Stadtmensch die monarchieferne Bedeutung des Wortes »majestätisch« erahnen kann.

Barbaras Siebentageswerk hat wenig Majestätisches, ihr aufopfernder Sechzehnstundenfron kennt kaum eine Pause. Die ihr überantworteten 78 Rinder leben nach dem Lauf der Sonne und kennen weder Kalendarium noch Ruhetag. Die Milch-& Käseverarbeitung ist ein Fulltimejob, der kein freies Wochenende vorsieht. Bergkäse (gereift), Schnittkäse in Wachshülle (weich) und eingelegter Frischkäse aus Kuhmilch sollen immer wieder neu produziert werden und ab Hof und via Internet den Weg in den hoffentlich reissenden Absatzstrom finden. »Das Lesachtal ist weit über die Grenzen als Tal der hundert Mühlen bekannt. 196 Wassermühlen klapperten einst im Lesachtal. Die lange Tradition der Mühlen reicht über 200 Jahre zurück. Das harte Leben der Bauern hat diese erfinderisch gemacht«, weiss das Internet.

Die gute Hirtin

Die Arbeit fügt sich gut ins neue Agrar-Konzept des EU-Kommissärs Franz Fischler, demzufolge Bauern und Landwirte zu Nahversorgungs-Managern mit Landschafts-Erhaltungs-Funktion werden sollen. Denn die Bergwelt hat grosse Bedeutung für das ökologische Gleichgewicht auf unserem Planeten.

Barbara N. macht ihren wichtigen Job auf der Hochalm bereits das fünfte Jahr. Und dieser Job gibt ihr Berge, wie sie es ausdrückt. Erlebnisse hat sie ebenfalls anzubieten – wie von ihr selbst verarbeitete Milch und Butter, die sie für Wanderer und Tourengeher zur Labung oder 14tägig am Bauernmarkt (jeden 2. und 4 Freitag von halb Zehn bis 13:00 Uhr) bereithält.

Von einer Bergviper wurde sie gebissen. Der Tierarzt kam nach dringlichem Handyruf und verabreichte ein Gegenserum. Auch als folkloreferner Citoyen erahnt man hier in den Karnischen Alpen, dass das Handy weder urbane Erfindung noch städtische Domäne sein muss. »Immer wieder gibt's – traurig, aber wahr – blitztote Kühe, die bei einem Gewitter im Freien in dieser Höhe von der Naturgewalt erschlagen werden«, sagt die gute Hirtin und bedauert mit dazupassender Geste des Ausgeliefertseins ihre Hilflosigkeit.

»Sowas wie Unterschlupf ist hier heroben Mangelware. Da hat man noch den unmittelbaren Zugang zum Leben und Sterben in der Natur«, sagt Barbara N. und liefert damit unbeabsichtigt einen möglichen Beweggrund für ihre aufopfernde Tätigkeit ab. Früher barg die Opfer das Bundesheer mit Hubschrauber. Wenn das unmöglich oder zu teuer ist, werden in Vorarlberg und der Steiermark die Kadaver gesprengt. Das klingt hart, ist aber die bio-logischste Möglichkeit, dass die Natur in Gestalt von aasfressender Flora und verwesender Fauna den toten Körper verwertet, ohne das Grundwasser zu verunreinigen. Im besser zugänglichen Gelände wird das Rindsopfer verscharrt oder von der freiwilligen Feuerwehr abtransportiert.

»Aber das Leben gibt auch zurück!«, beeilt sich die Almhüterin hinzuzufügen, um die dunklen Wolken des unausweichlichen Schicksals zu vertreiben. »Im Vorjahr ereignete sich sogar eine äusserst seltene Drillingsgeburt«, sagt sie und meint natürlich das Kalben. Der Tierarzt kam mit dem Geländewagen, nachdem er mit Funktelefon alarmiert worden war. Und wie sonst nur aus der Serie »Der Doktor und das liebe Vieh« bekannt, überlebten alle drei Rinderbabies im »Kreissaal« unter freien Himmel, neugierig beäugt von den Herdenmitgliedern.

Kühle Kühe


»Aufregendes passiert immer, i will's net verschreien«, sagt Barbara N. und klopft dreimal hastig aufs Holz des Melkeimers. Vom Absturz eines tollpatschigen, fürwitzigen Kälbchens ist zu berichten. »Wenn's regnet«, sagt die Melkerin, »gehen die Kühe immer ins Steile. Dann rutschen's mit den Hufen am aufgeweichten Boden weg.« Und man freut sich's zu berichten: Das abgestürzte Kälbchen kam sich rollend/trollend 20 Meter unterhalb im sumpfigen Boden liegend zum Stillstand und – wie es so schön heisst –: mit dem Schrecken davon.

»Aber«, unterbricht sich die Hochalm-Managerin selber, sichtlich entzückt dem Zeitungsmenschen aus der Stadt eine Sensation anbieten zu können, »im Vorjahr hatte ich hier einen Bärenverdacht, der sich allerdings nicht bestätigt hat! Da heroben beim Almsee neben dem Bildstock hab' ich ein Gerippe gefunden. Da könnte einer der freigesetzten und seit den 80er-Jahren eingebürgerten Karawanken-Bären ein Lamm gerissen haben...«

Die Spannung steigt, Barbara erzählt weiter: »Tiere können sich verlaufen, dann findet man sie erst Tage später wieder, abseits der Herde oder als Skelett.« Deswegen gehört die abendliche Inventur des Tierbestandes ins Pflichtenheft jeder guten Hirtin.

Internationales Jahr des Wassers 2003 im Lesachtal. Kötschach-Mauthen ist der Anknüpfungspunkt an die flache Zivilisation. Bunte Blumen auf den saftigen Wiesen im Tal, blauer Himmel und Sonnenschein darüber, so präsentiert sich das Lesachtal im Internet. Zahlreiche Wanderungen im über 300 km langen Wegenetz warten auf die richtige Vorgehensweise. Abenteuerreich geht es auf der Website von »Abenteuer Alpen« zu: »Rafting, Riversauna, Reiten und/oder Almakademie – da ist für jeden was dabei! Kinder aufgepasst«, heischt der Text im Internet: »Im Märchenland im Obergailer Tal könnt ihr nach Schätzen suchen oder einen Tag auf den Spuren der Wilderer erleben!«
Etwas weiter oben, auf dem Betätigungsfeld der regionalen Genossenschaft »Nachbarschaft Obergail« auf der Obergailer Alm, auf den traditionellen Spuren des fast schon ausgestorbenen Bergbauernberufs gelten andere Gesetze.

Der Tourismus, der sich hierher verirrt, ist ein sanfter. Die ökologische Landwirtschaft ist noch eher im harmonischen Einklang mit der Natur als vielleicht anderswo. Das Leben geht beschaulicher ab. Der Boden des wildherben Hochalm-Geländes ist nicht ertragreich genug für Maschinen und Konzepte. Hier zählt noch der Mensch, hier regiert händische Arbeit. Deswegen muss durch punktuelle Unterstützung und gezielte Förderung »menschliche Arbeitskraft« gefunden werden, weil die gelebte Tradition im Los in der Einschicht kaum noch zählt.

Die Höfe sind abgesiedelt, abgehaust. Die vormals kinderreichen Hütten sind arbeitskräfteleer geworden. Die Jungen surfen lieber im »Gailtail-Channel«, mit freizügigen »Models von nebenan«. Tattoo, Piercing und Transparent-Top ziehen besser an als Heugabel, Gummistiefel und Bäuerinnenschürze. Konsumpaläste locken stärker als Bergbauernhütten. Obwohl es unterstützende Apparaturen, wie starke Melkmaschinen und überall verfügbare sanfte Motorleistung, gibt. Genauso gut könnte das biblische Motto vom althergebrachten, im 1.Buch Mose, Kapitel 3,19, überlieferten Slogan hier in jedes Tischdeckchen gestickt sein: »Im Schweisse deines Angesichts sollst du dein Brot essen«.


Friede den Hütten, Krieg den Konsumpalästen


Jede Hütte hat Hergottswinkel. Abends kühlt es stark ab, man kuschelt sich friedlich an den thermisch vor sich hin arbeitenden Kachelofen und erfreut sich des Daseins, während man ein Stück Lesachtaler-Brot verdrückt. Hat man doch wieder einen harten Arbeitstag dem Unbill der Natur standgehalten wie in einem Franz-Innerhofer-Roman oder Ludwig-Anzengruber-Stück. Ein Erfolgserlebnis, nichts ist passiert. Man hat keine fremde Hilfe benötigt. Und vor der Bettschwere bemerkt man erst, wie sehr einem das Landleben ein gutes Gefühl des Gebrauchtwerdens abringt, während im Erlebnisbad Lesachtal das Goldrauschduo aus Deutschland (»Wiesbaden – Michael und Udo«) beim Nachtschwimmen aufspielt. Und »trotz unbeständigem Wetter nutzten einige Badegäste das erweiterte Angebot. Jeden Montag und Donnerstag findet das Nachtschwimmen bis 22h bei Flutlicht statt. Ein Badeerlebnis, dass Sie auf keinen Fall versäumen sollten!!!«, wie die Homepage anmerkt, die mit dem Superlativ »Europas naturbelassenstes Urlaubsparadies« wirbt.

Barbara N. kennt weder Homepage noch Schwimmbad. Sie übersommert regelmässig als Sennerin und steigt lieber in den Almsee. Immer wieder von Mai bis Oktober hütet sie auf ca. 2000 Meter Seehöhe die ihr anvertrauten Tiere, füllt die Almhütte mit neuem Leben und ist nicht nur Kuhhalterin, sondern auch Landschafts-Erhalterin oder Wasserversorgungsbeauftragte. Es ist eine immer wichtiger werdende Funktion im Tourismus, auf einer aufgegebenen Almhütte, die aus landschaftlichen Gründen subventioniert wird. Hier gehen Landwirtschaft und Fremdenverkehr eine überlebens-notwendige Symbiose ein.

Moderne Zeiten

Barbara N.'s Entlohnung ist karg wie der Boden. Die Arbeitszeit rechnet sie lieber gar nicht erst mit ein. Ende Oktober, nach dem aus Tradition und für die Touristen gefeierten Almabtrieb, wird sie Bilanz ziehen und auf weniger als 1000 Euro pro Monat kommen. Als Selbstversorgerin hat sie zu sparen gelernt, kann sie doch im hochalpinen Gelände kaum etwas von ihrem monatlich überwiesenen Gehalt abheben oder gar ausgeben. Nur im Wochentakt wird ins Tal gefahren, ein Kaffee im Dorf getrunken, Fensterl-Ansinnen und Besuchs-Ambitionen der neckischen Landjugend abgewehrt und sich mit den allernötigsten Konsumgütern des täglichen Bedarfs eingedeckt. Lebensmittel und Hygieneartikel. Unterhaltung, Ablenkung oder gar Elektronik kann sie nicht gebrauchen. Alles andere liefert das Leben. Manchmal kommt ein Waidmann – ganz wie im Märchen – mit einer frischen Rehleber vorbei, die dann am Abend in der Pfanne gebrutzelt wird. Die einzigen Menschen, die regelmässig vorbeikommen – ausser Wanderern auf Durchreise –, sind Jäger/Förster in Personalunion und die Eigentümerschaft des Viehbestandes, um nach dem Rechten zu schauen. Der Tierarzt kommt nur in Notfällen.

Nicht zu unterschätzen ist der wichtige Beitrag zur Landschafts-Erhaltung – besonders nach dem vorjährigen Katastrophensommer mit zahlreichen Überflutungen. Eine ökologisch gepflegte und umweltverträglich gewartete Natur neigt seltener zu Lawinen- und Murenabgängen. Allerhand Abenteuer und brenzlige Situationen müssen im harten Überlebenskampf tagtäglich gemeistert werden, stellt Barbara N. doch sieben Tage in der Woche und gut 16 Stunden, von 6 bis 22 Uhr (während die Touristen noch Nachtbaden) in diesem Job auf sich allein gestellt ihre Frau. Die geborene Städterin ertrotzt sich ihren Anteil von Natur zurück. Jahr für Jahr. Die restliche Zeit arbeitet die diplomierte Sozialarbeiterin in der Behindertenbetreuung und würde auch auf dem Jungbauernkalender gute Figur machen. Dabei sieht sie sich »absolut nicht als Aussteigerin. Ich bin auch keine Abenteurerin – aber irgendwer muss den Job ja machen!« Das ist das einfachste, auf den Punkt gebrachte Resümee. Und eigentlich müsste Barbara N. mit ihrem sonnigen Gemüt und der Krachledernen von der Ö-Werbung als Botschafterin gesponsert werden.



Spitzentreffen am Gipfel des Hüterglücks,
doch nicht immer geht es so idyllisch zu.




Freundschaftsbesuch ja natürlich.
Und immer sehr ge-MÜH-tlich.

 


Die Inventur des Viehbestandes
gehört zur Job-Description.

Ein weniger glückliches Rind, das vom Blitz erschlagen wurde, muss abtransportiert werden (im unwegsamen Gelände werden Kadaver auch gesprengt)


Freundinnen, die zuhören können: Das gibt einem Berge – auch auf 2000 m Seehöhe.



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