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BEST OF VERÖFFENTLICHT:
PRINTERVIEW

Hammer & Klarinette

Blixa Bargeld alias Christian Emmerich ist Gitarrist bei Nick Cave & Kopf der ›Einstürzenden Neubauten‹.
Wenn er nicht über Nick Cave sprechen will, lotet er metaphorische Qualitäten aus, in dem Gegenstände stehen.

 

Als wir einander letztes Mal hier 1994 in Wien getroffen haben, warst Du gerade dabei, in London mit Privatlehrer den Automatikführerschein zu machen. Hast Du ihn schon?

Hatte ich den das letzte Mal noch nicht? Ja, den hab' ich schon!

Wozu braucht ein Mensch wie Du den Führerschein?

Hauptsächlich, um an Orte zu gelangen, an die man nur schwer hinkommt. Ich fahre sonst ja nie Auto, schon gar nicht in der Stadt. Ich war damit auf Rügen. Das ist diese Insel, auf der Caspar David Friedrich ziemlich viel gemalt hat. Dort habe ich auch mein erstes Auto kaputt gefahren. Ich bin den Waldweg runter gefahren, um an diese Kreidefelsen zu gelangen.

Caspar David ..., wer?

Caspar David Friedrich war einer der größten Maler der deutschen Romantik, der grundsätzlich nur Zeichnungen gemacht hat und der immer herum gewandert ist und dann zu Hause bei geschlossenem Fenster daraus Kompositionen gemacht hat. Und wenn Personen vorkommen, sieht man sie immer nur von hinten. Es gibt kein einziges Porträt von ihm. Hauptsächlich Landschaften, die allegorisch aus so einer knorrigen Eiche komponiert sind. Diese Bilder kennt jeder, das sind Ikonen.

Ah, Kreidefelsen!

Ja, und da bin ich über einen spitzen Stein gefahren, der scheinbar der beliebteste spitze Stein aller Abschleppfirmen von Rügen ist. Dort habe ich mir dann die Ölwanne aufgerissen und musste die Feuerwehr bezahlen, um das Öl abpumpen zu lassen. Aber die wussten sofort wo ich bin, weil da ein spitzer Stein mitten in der Fahrrinne heraus ragt. Da fährst du einmal darüber, dann macht es Crunch, und wenn du dann so doof bist wie ich und weiterfährst, dann hast du einen Kolbenfresser und dein Auto ist kaputt - und genauso war es dann auch. Und so bin ich dann stundenlang an diesem Kreidefelsen gesessen, an dem Caspar David Friedrich wahrscheinlich auch stundenlang gesessen hat, und hab auf das Abschleppkommando gewartet. Und wie komme ich sonst dorthin? Das war mein Hauptgrund, den Führerschein zu machen. Okay, ich kann nach Bomarzo fahren, wo ein verrückter italienischer Graf vor 400 Jahren einen unglaublichen Park aus schiefen Türmen und Eingängen zur Hölle angelegt hat. Das ist so an der Grenze vom Latium zur Toskana. Und wie komme ich da hin, dort gibt es keinen Bahnhof? Ansonsten fahre ich öffentlich. In Städten, die einigermaßen Infrastruktur haben, brauchst du kein Auto. Du kommst ja nicht aus der Stadt, am Land ist es ja noch Mobilität. In Berlin ist es nicht mehr Mobilität. Meine Bushaltestelle ist vier Meter neben meiner Haustür.

Dadurch, dass ich Herr meiner Zeit geworden bin, ist mir der Erlebnis-Charakter von öffentlichen Verkehrsmitteln fast schon wichtiger!

Das drückst Du aber recht positiv aus! Der Erlebnis-Charakter öffentlicher Verkehrsmittel ist vor allem nachts besonders...(sarkastisch), dann muss es ja nett sein in Wien! Kannst ja mal nachts in Dresden mit der Straßenbahn fahren, das ist knallhart. Aber Taxis gehören auch zum öffentlichen Verkehr.

Red'ma über deine Musik: 2000 erschien zum 20-Jahre-Jubiläum ›Silence Is Sexy‹ mit einem Plagiat – aber das darf man nicht sagen, weil John Cage's ›Song 4:33‹ ist es ja eigentlich nicht.

Ne, erstens ist es nicht 4:33 lang, zweitens ist es nicht in drei Teile aufgeteilt. Das bestand ja aus dem Anheben des Klavierdeckels und Schließen, dreimalig in dem Stück. Cage war Zenbuddhist und hat in der Stille etwas ganz anderes gesucht als wir. Aber ich muss schon zugeben, dass das ein Ausgangspunkt war, darüber nachzudenken. Ich bin auf diese absurde Zeile "Silence Is Sexy" an einem noch absurderen Ort gestoßen: In einem Surferhotel an der Gold Coast in Australien habe ich darüber nachgedacht, was wir von den `Neubauten´ eigentlich mit Stille machen könnten. Das hat mich eine Weile beschäftigt. Die Tatsache, Musik zu perforieren und mit Löchern zu versehen und verlängerte Pausen zu spielen, das war immer ein elementarer Bestandteil von dem was wir gemacht haben. Aber es hat eine Weile gekostet, draufzukommen, dass es mir weniger oder gar nicht um die Zen-Stille ging, sondern um das Geräusch der Abwesenheit und die Spannung die daraus entsteht - und so ist es dann auch geworden.

In einem Interview habe ich gelesen »One thing is for sure, whatever I do, I don't let the silence win!«

Ja, das habe ich möglicherweise gesagt, aber es ist schlecht, in einem Interview andere Interviews zu kommentieren, weil das ist eine zweifache Brechung. Die Standardfrage, mit denen die Interviews normalerweise anfangen: "20 Jahre Einstürzende Neubauten - Silence is Sexy: Ist das nicht der direkte Widerspruch zu dem, womit ihr angefangen habt?" So fangen alle Interviews an, und ich habe seit der Veröffentlichung cirka 180 gegeben. Und da kann ich dann immer nur sagen: Es fängt an mit soundso und dann kommt "Silence Is Sexy", und die nächste Strophe endet schon damit "Silence is NOT sexy at all" - damit erübrigt sich doch schon jede weitere Frage!

Du wolltest dir Visitenkarten mit der Bezeichnung »Architekturkritiker« drucken lassen, weil du immer auf den programmatischen Titel der ›Neubauten‹ angesprochen wirst!

Man muss so eine gewisse Doppelbödigkeit im Schreibstil haben, die sowohl die bedient, die das nicht verstehen, als auch diejenigen....

(Nachdenken, Rauchen, Trinken)

Die totale Auflösung der Harmonien und Dissonanzen: In meinem Musikunterricht habe ich noch gelernt, Klang unterscheidet sich in Geräusche und Töne, wovon das eine Lärm ist und das andere Musik.

Das habe ich auch gelernt. Aber die Unterscheidung ist schon rein physikalisch ziemlich schwierig. Man geht davon aus, dass ein Instrument eine Obertonskala hat, die sich in harmonisch mathematisch nachvollziehbaren Schritten vollzieht, während Lärm diese Skala nicht hat. Der Witz dabei ist, dass das Instrument, der Gegenstand, der benutzt wird - den man instrumentiert in irgendeiner Form - auch noch metaphorische Qualitäten hat. Ein Hammer ist ein Hammer und eine Klarinette ist eine Klarinette. Die Art und Weise, wie man einen Gegenstand benützt, macht ja darüber hinaus auch noch Aussagen über seine pure Existenz und über den Kontext, in dem ein bestimmter Gegenstand sich befindet. Das ist etwas, das die `Neubauten´ von vielen Epigonen unterscheidet. Denn es gibt ja viele Epigonen, die immer nur danach forschen wie etwas klingt. Uns ging es nie darum wie etwas klingt, sondern was etwas ist.

In den 80ern war Kommerz genauso verpönt, wie er mittlerweile salonfähig geworden ist. Das vorletzte Album "Ende Neu" war im Vergleich zu früheren Werken - man verzeihe mir den Wertungsexzess - fast schon sowas wie Kaufhausmusik.

Das verzeihe ich natürlich nicht (lacht). Die Platte, die Du ansprichst, "Ende Neu", ist entstanden in einer Zeit, in der die Band sich im Umbruch befand. Zwei Mitglieder haben die Band verlassen, Roland Wolf ist gestorben in einem gruseligen Autounfall. Ich führe eigentlich alle Veränderungen, die mit dieser Platte einher gingen, darauf zurück, dass es andere Menschen sind. Der Nukleus der Band sind immer noch diese drei Leute, die schon seit zwanzig Jahren dabei sind. Aber es gibt andere Musiker in unserer Live-Besetzung. Ich erwarte, wenn da zwei oder drei andere neu involviert sind, dass sich da einfach eine andere Chemie ergibt, dass sich da eine neue Herangehensweise entwickelt, sonst wäre das Stagnation.

Das Verhältnis zum Tod, Deine Affinität dazu?

Über Tod? Es gibt ein Stück auf der Platte, das sich - auseinandersetzt, wäre das vollkommen falsche und dämliche Wort - was durchaus mit dem Tod zu tun hat und das ist "Redukt" (zitiert): "Das Fundament steht an der falschen Stelle, man hätte dieses Haus in den Himmel setzen sollen, damit die Götter sterben, regelmäßig und in zeitlich klassischen Proportionen. Der Goldene Schnitt durch die Kehle eines verehrbaren Himmelskörpers, der daraufhin sein göttliches Blut in kurzen Stössen in den himmlischen Sommermorgen, weil es immer Sommer ist, verschiesst, bis man/frau, ich eingeschlossen sagen kann: Endlich unendlich, in Ruhe gelassen, aber beweglich, frei zu lärmen ohne Schuld! Redukt."

(Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne.)

Hör auf, der Himmel verdunkelt sich schon. Mir wird ganz mulmig.


(Blixa Bargeld blickt himmelwärts): Danke für den schönen Lichteffekt!

Industrial Design und Regietheater, alles Fixsterne der Neunzigerjahre!?

Ist das eine Frage oder ein Statement? Also wenn Du auf das Theater hinauswillst, möchte ich nur anmerken: In den zwanzig Jahren haben die `Neubauten´ zwei Theaterstücke gemacht: "Andi" von Zadek und Werner Schwabs "Faust". Zwei Theaterstücke in zwanzig Jahren, das rechtfertigt kaum, dass die `Neubauten´ ständig mit Theater in Verbindung gebracht werden. Dass ich andere Sachen gemacht habe oder dass auch andere Mitglieder dauernd irgendwelche Berührungspunkte haben, ist eine andere Sache. Aber die `Neubauten´ haben nur zweimal mit Theater zu tun gehabt.

Zuletzt gab es ja auch in Wien ›Rosa Melonen Schnitt Freude‹ und Rede/Speech-Auftritte bei den Hörspieltagen des SWR in Freiburg mit einer pseudo-wissenschaftlichen Performance - warum nur pseudowissenschaftlich?

Naja, weil man vom Unterhaltung nicht auch noch erwarten kann, dass sie gleichzeitig wissenschaftliche Ansprüche erfüllt. Ich mache sozusagen pseudowissenschaftliche naturwissenschaftliche Experimente. Ich führe Genchirurgie auf der Bühne durch und entwickle Modelle des Sonnensystems, um sie auf der Bühne aus den Fugen geraten zu lassen. Von meiner Seite aus betrachte ich das durchaus wissenschaftlich, ist aber keine anerkannte Disziplin. Es ist keine exakte Wissenschaft.

Das Logo ist auch schon fast allgemein gültiges Kulturgut, wie kam es dazu und zur Bedeutung. Warum hat sich diese Wortbildmarke so gut gehalten, um nicht zu sagen: vermarktet.

Dieses Logo ist ein toltekischer Petroglyph - die Tolteken waren eine mittelamerikanische Kultur, vor Maya, Azteken, Inkas - ein Steinzeichen. Die Frage nach der Bedeutung erübrigt sich insofern, als keine Tolteken mehr da sind, die uns das mitteilen könnten und sie auch keine Schriftkultur hatten. Insofern ist da jede Deutung offen, und ich wollte nur ein Zeichen benützen, das erst mal nichts bedeutet, das man mit Bedeutung anfüllen kann. So hat das jetzt nach Tausenden Jahren eine Renaissance erlebt, und es bedeutet für die meisten Menschen, die diesen Zeichen kennen oder auf dem Oberarm tättowiert tragen, `Einstürzende Neubauten´ und was immer die damit verbinden. Es ist natürlich copyrightmäßig geschützt und kostet uns jedes Jahr viel Geld. Neulich habe ich in Frankreich ein Shampoo gekriegt: dickes Neubauten-Zeichen darauf. Du musst das für jeden Bereich schützen lassen. Natürlich haben wir Shampoos nicht schützen lassen.

Bis zu Autoreifen?

Wenn wir es nicht geschützt haben, kannst es machen! Wir haben also diverse Dinge laufen, wo wir Leuten die Benützung unseres Zeichen untersagen. Da gibt es alles mögliche, von Werbeagenturen bis zu Softdrink-Herstellern, die dieses Zeichen wo hinpappen.

Wird die nächste Platte oder das Poster davon, wie jenes mit dem urinierenden Pferd, auch wieder als Kult in den Werbeagenturen kursieren?

Das war ›Haus der Lüge‹. In England war's ja verboten. Die haben dann so einen Obelisken vor die Genitalien des Pferdes hin gedruckt. Dabei war das Original dieses Bildes eine Zeichnung aus dem 15. Jahrhundert, von einem Dürer-Schüler, Hans Baldung Grien.

Max Goldt schrieb, dass »Blixa Bargeld nicht gerade berühmt für seinen Humor ist«. Dabei fand ich witzig, wie du in der ›Schule für Dichtung‹ nach einer Bibel-Übersetzung gefragt worden bist. Und du sagtest damals: »Die Einheits-Übersetzung! Dafür kriegt F.M. Einheit (Gründungsmitglieder, Anm.) die Tantiemen!«

Tja!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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