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BEST OF VERÖFFENTLICHT:
PRINTERVIEW

»Berühmt für schöne Manuskripte«

Der Autor, Übersetzer & Vortragskünstler Harry Rowohlt über Gott und ›Die Zeit‹.

 

Ihrer Kolumne »Pooh's Corner« verrieten Sie, wem Sie schon alles einen Korb geben mussten. Also bin ich froh, dass Sie mir keinen gegeben haben. Interessieren Sie überhaupt österreichische Zeitungen?

Harry Rowohlt: Ja, als Phänomen, weil es nirgends sonst soviele Zeitungen gibt. Das liegt natürlich unter anderem daran, dass die Österreicher nicht arbeiten. Deshalb haben sie genug Zeit, soviele verschiedene Zeitungen zu lesen, weshalb sie auch so fremdenfeindlich sind, denn das würde bedeuten, dass Ausländer, die arbeitswillig sind, das Land verderben. Und weil Österreich im Verein mit Deutschland seine kreative Elite teils umgebracht und teils vertrieben hat, gibt es in Österreich immer noch so viele Zeitungen wie zu Zeiten, als es noch Österreicher gab, die schreiben konnten. Jetzt gibt es mehr österreichische Zeitungen als Menschen, die schreiben können. Die wenigen Österreicher – die Gojim – die schreiben können, die gehen ja so schnell wie möglich nach Deutschland und werden dann da auch sehr gut behandelt.

Die da wären?

Ich habe im deutschen Fernsehen Joachim Riedl, den Chefredakteur von »Format«, gesehen. Der hat nur einen Tag nach der Wahl die offizielle Haider'sche Sprachregelung übernommen und »ausländische Gäste« gesagt. Nicht Mitbürger, nicht mal Ausländer oder Gastarbeiter, sondern gleich Gäste. Und da hab ich mir gedacht, warum haben wir den Riedl damals so gut behandelt. Da hätten wir ja noch gar nicht gemusst, weil Österreich noch nicht mal zur EU gehörte. Wenn der sich wieder mal in Deutschland sehen lässt, werden wir ihn schinden (lacht)...

In manchen Redaktionen kursiert das Gerücht, dass, wer's hier nicht schafft, nach Deutschland geht, weil dort nehmen sie jeden Ösi-Schmähführer mit Handkuss.

Nachdem jetzt Sigrid Löffler und der Chefredakteur vom »Stern« gefeuert wurden, hatte der dazugehörige Artikel in der »taz« die schöne Überschrift: »Dämmerung für Schluchtenscheisser«. Ich hatte schon vor Jahren den Plan, in Hamburg im Pressehaus nach Greenpeace-Vorbild ein riesiges Laken vom Dach runterzulassen mit der Aufschrift: »Schluss mit dem unmenschlichen Österreicher-Bonus!«

Als Sie zum erstenmal in Österreich waren, schrieben Sie, ist Ihnen angenehm aufgefallen, dass überall Praha und Bratislava dransteht, statt Prag und Pressburg. Inzwischen wissen Sie, warum. Zitat: »Der Österreicher möchte, dass auch die dümmeren Tschechen und Slowaken wieder hinaus finden.«

Ja sicher! Das ist jetzt wieder aktueller denn je.

Kurt Palm hat nach 10 Jahren den »Sparverein Die Unzertrennlichen« aufgelöst. Haben Sie auch ordentlich was rausgekriegt und wie zufrieden sind Sie mit der Verzinsung?

Dadurch, dass es den »Sparverein« gab, hatte ich die Gelegenheit, 1991 drei Monate lang in Wien zu wohnen. Und das war ein Hochgenuss, den ich nicht missen möchte. Ich meine, dass wir ausserdem noch ein Laienspiel (»In Schwimmen – zwei Vögel«, Anmerkung) einstudiert haben, das hätte man eigentlich auch lassen können. Mein Text klebte auf meinem Schwert, weil ich mir ja prinzipiell keinen Text merke, was mir aber nichts nützte, weil ich einen altirischen Sagenhelden spielte. Und altirische Sagenhelden sind bekanntlich keine Brillenträger.

War das so wenig Text oder dieser so klein geschrieben?

So ein Schwert ist ja breit und lang.

In der ehemaligen Sargfabrik, die mittlerweile sowas wie ein Yuppie-Zentrum geworden ist...

Hoffentlich gibt's da nicht immer noch soviele Taubenflöhe. Der Direktor Palm hat jeden Tag, jeden Morgen vor der Probe, Tauben totgeschlagen – eigenhändig! Und die einzigen, die keine Flöhe bekamen, waren Herr Friesinger und ich. Weil wir die ältesten und versoffensten waren. Vielleicht, man könnte natürlich auch argwöhnen, dass wir beide die reinlichsten waren – was auch möglich ist. Ich sehe zwar nicht so reinlich aus wie der Herr Friesinger, bin es aber.

Sie waren einmal auf einer Anti-Nazi-Demo mit dem Transparent: »Die braune Liese ist's, ich kenn' sie am Geläute!« Friedrich Schiller »Wilhelm Tell« 1. Akt, 1. Szene. – Hören Sie wieder was läuten?

DDr. Günter-Günter Nenning sagte mal, auch nach irgend 'ner Wahl, dass damit klargestellt ist, dass nicht jeder Österreicher ein Nazi ist, sondern nur jeder zweite. Und das ist in Deutschland nicht anders und wahrscheinlich auch in anderen Ländern nicht. Mein geliebtes Irland, zB., das mit Recht stolz darauf ist, dass es dort a.) keine Schlangen gibt und b.) nie Judenprogrome gegeben hat. Da hab' ich mal eine irische Tresen-Bekanntschaft gelobt wegen dieser beiden Umstände. Und der sagt, das mit den Schlangen ist in der Tat sehr angenehm, aber Judenprogrome könnten wir uns gar nicht leisten, weil wir diese Schweinehunde gar nicht erst ins Land gelassen haben.

Ihr Kollege aus dem »Sparverein«, Hermes Phettberg, meinte einst, er stelle sich Gott wie Harry Rowohlt vor: Langer wallender Bart, in Jeans und 68er-Look gekleidet und nicht in Anzug und Krawatte, weil Gott ja überparteilich und nicht auf Seite der Reichen sein dürfe. Und dazu kommt noch diese Respekt einflössende Stimme mit dröhnend autoritärem Bass. Ehrt Sie dieser Vergleich?

Ja, er ehrt mich immer wieder aufs Neue. Ich hab' neulich am Theater Neumarkt in Zürich im Off Gott gesprochen und in dem österreichischen Spielfilm »Untersuchung an Mädeln« nach dem Roman von Albert Drach das Protokoll gesprochen; wovon dann die meisten Österreicher geglaubt haben, das ist die Stimme von Otto Sander.

Das war auch sehr verwirrend. Zuerst ist es Otto Sander und nach seinem filmischen Suizid ist es dann plötzlich – wie aus dem Nichts – Ihre Stimme; was man erst durch den Nachspann mitkriegt.

Ich hab' den Film leider noch nicht gesehen, der wird irgendwann mal um 23 Uhr 45 auf 3SAT gezeigt, möglichst wenn ich nicht zuhause bin. Ich mach' mir da gar keine Sorgen. Ich hab' leider kein Videogerät. Ich finde – und damit sind wir wieder beim Thema –: Videogerät, heisst Gott versuchen! Wenn man eine Sendung verpasst hat, dann hat man sie verpasst! Und wenn man sich alles aufnimmt, was einem halbwichtig vorkommt, dann sieht man sich das ja doch nie an. Alle meine Bekannten, die Videokasetten haben, haben lauter vollgespielte Bänder, die sie nie sehen werden. Da kauf' ich mir lieber Bücher, die ich nie lese!

Der Papst ist alt und krank; über seinen Nachfolger wird bereits offen spekuliert. Sie wollten sich da nicht einmischen, weil Sie gar nicht katholisch wären, schrieben Sie, und machten aus der – teilweise selbstgewählten – Anglophonie heraus einen Vorschlag zur Namenswahl. »Nach John Paul II wäre es allmählich mal Zeit für George Ringo I.«

(Rowohlt schmunzelt) Ja, stimmt!

Der von ihnen erstmals richtig übersetzte Flann O'Brien hat gesagt, warum er Gotteslästerer meidet.

Wenn es Gott nicht gibt, wozu Ihn lästern? Und wenn es Ihn gibt –: Wer garantiert mir, dass Er zielen kann?

Wie viele Übersetzungen haben Sie bisher getätigt?

101 Buch, drei Theaterstücke und einen Film. In meiner Eigenschaft als Filmkritiker – weil ich immer so an den Synchronisationen herumgemeckert habe – habe ich dann selber versucht, den letzten Film von John Houston, eine Episode aus den Dubliners von Joyce, »Die Toten«, zu übersetzen. Aber das tue ich mir nicht mehr an. Das Schwierige daran ist die Lippensynchronizität, weil Deutsch ist 12 bis 35% länger. Man muss die Leute viel asynchroner sprechen lassen als im Original. (grinst) Da verschwand mal einer im Bad, war nicht zu sehen und wurde richtig gesprächig.

Sie sagten: »Nur leider wird mein Englisch immer lausiger. Ich glaube, mit jedem übersetzten Buch wird mein Englisch acht Punkte lausiger. Das kommt vom Nachschlagen. Jedes dritte Wort schlägt man vorsichtshalber nach, und wenn man dann was sagen soll, fehlt einem der Webster.« Ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Sie aufhören, weil Ihr Englisch zu rudimentär wird?

Übersetzen, schriftlich, kann ich ja dann immer noch. Nur schlage ich nicht mehr jedes dritte Wort nach, sondern jedes. Ich hab' neulich erst wieder festgestellt, dass ich das Wort für Zander vergessen habe. – Unverzeihlich!

Bei uns heisst der Fogosch.

Na und?

Ich weiss auch nicht, vielleicht ist das ein Hinweis?

Ne, pike-perch, Hechtbarsch! Und das habe ich ausgerechnet auf einer Speisekarte im österreichischen Speisewagen entdeckt.

Haben Sie Angst vorm Fliegen, weil Sie so gerne über Ihre Erlebnisse im Speisewagen berichten?

Ich habe keine Angst vorm Fliegen, nur kann man da soviel falsch machen. – Im Speisewagen ist es immer interessant. Das letzte Mal, das war von Regensburg nach Düsseldorf: Ich war ein Bisschen angegriffen und hatte einen leichten Kater. Die Kellnerin hatte so changierende blautürkise Fingernägel, und mir wurde ganz leicht übel dabei. Aber ich war mit David Sedaris zusammen auf Lesereise, und der hat sie sofort wegen ihrer grässlichen Fingernägel gelobt, und dann ging sie in die Küche, liess kaltes Wasser drüber laufen und dann wurden die ganz blau, und dann hat sie uns gezeigt, wie sie langsam wieder türkis und dann grün wurden, und ich hätte mich fast...

Interessant, Sie schreiben immer noch auf Maschine?

Ja, Computer kommt mir nicht ins Haus. Ich hab' nichts gegen Computer. Ich bin nur leider zu blöd dafür! Früher fragten mich die Menschen, »sag mal, du schreibst doch ziemlich viel, da benützt du doch bestimmt einen Computer?« Da hab' ich gesagt, »nein, dazu bin ich zu blöd!« Haben sie gesagt, »dafür kann man nicht zu blöd sein, wer Schreibmaschine kann, kann auch Computer lernen!« Dann haben sie es einmal erklärt, dann nochmal, und dann haben sie gesagt: »Stimmt, du bist doch zu blöd für Computer!« Wir haben alle fünf Jahre Klassentreffen und da fragten auch alle, »du schreibst doch viel, da benützt du bestimmt 'nen Computer?«, und ich sagte, »nee, bin zu blöd!« Und die glaubten mir das, weil die kannten mich noch aus der Schule. – Was sie nie daran gehindert hat, mich immer wieder zum Klassensprecher zu wählen, was aber wiederum daran lag, dass ich über eine zehnminütige Schülerrats-Sitzung geschlagene vierzig Minuten berichten konnte, möglichst wenn dadurch eine Mathe-Arbeit ausfiel.

Und Ihre Manuskripte sind in einem nachvollziehbaren Zustand?

Bei mir fliesst natürlich das Tipp-Ex-Flüssig in Strömen. Ich liefere ausgesprochen pastose (reliefartig, teigig, breiig; Anm.) Manuskripte ab. Das Original behalte ich, die Xerokopien schicke ich weg und die sehen immer makellos aus. Ich bin berühmt für schöne Manuskripte. Weil ich ja auch mal Schriftsetzer gelernt habe, mache ich gerne mit Papier und so herum. Ich hab' sogar 'ne Tilde erfunden, dieses Zeichen über dem n in Spanisch wie bei »nino«. Da benütze ich das µ, welches man nie verwenden kann. Das setze ich über das n, drücke es drauf und säge den oberen rechten Teil davon ab und dann habe ich eine etwas schiefe, aber prima aussehende Tilde.

Sie sind mit Shel Silverstein und Kurt Vonnegut auf Lesetournee: Gibt es Unterschiede im Übersetzen und muss man den Autor zu diesem Behufe persönlich kennenlernen? Ich spiele auf Frank McCourt an, dem Sie ein Fax geschrieben haben, er möge doch die Hauptperson in »Die Asche meiner Mutter« sterben lassen. Worauf der gemeint hat, geht nicht, weil autobiographisch...

Ja, hab' ich! Man braucht den Autor natürlich nicht persönlich kennenzulernen. Das wäre ein Bisschen ausufernd, besonders bei Erfolgs-Schriftstellern wie Douglas Adams. Der zB., hilft seinen Übersetzern überhaupt nicht! Der wird praktisch in alle Sprachen übersetzt und hat natürlich keine Lust mehr. Wenn der Autor noch lebt, kann man ihn ja wirklich zu fragen versuchen. Und ich hatte bei Frank McCourt das grosse Glück, dass ich der erste Übersetzer war, der überhaupt an ihn herangetreten ist. Die deutsche Ausgabe ist ja auch zweieinhalb Monate früher erschienen als das amerikanische Original.

Ist das nicht bedenklich?

Was soll denn daran bedenklich sein, wenn die Amis so langsam sind? Es hat ja niemand die daran gehindert, schneller erscheinen zu können. Der Startschuss ist gleichzeitig erklungen. Und wenn die dann noch stundenlang rummähren.

Naja, der Beginn wurde noch umgeschrieben. Den zweiten Teil haben Sie auch übersetzt?

Nein, ich hab' mich leider mit dem Luchterhand-Verlag verzankt, und jetzt haben wir uns zwar wieder vertragen und ausgesöhnt, tränenreich. Aber das war dann für die Fortsetzung zu spät. Was einerseits schade ist, aber andererseits weiss man nicht, wozu's gut ist. Denn, im ersten Band liegt der Reiz für den Übersetzer hauptsächlich darin, dass der Ich-Erzähler als Kleinkind anfängt und am Ende des Buches etwa 16 Jahre alt ist, deshalb sein Wortschatz immer reicher wird. Und beim zweiten Band dürfte sich in dem Bereich nicht mehr viel tun. Ich weiss noch nicht, ob ich da die Übersetzung lesen werde! – Wenn sie schlecht ist, wäre das schade. Und wenn sie gut ist, wäre das eine Katastrophe! (lacht)

Ich habe Sie während der Leipziger Buchmesse lesen gehört und gesehen. Das war im März in einem Innenhof im Freien, wo cirka 600 Personen...

Und noch mehr standen vor den Toren und skandierten wie damals (in sächsischem Dialekt): »Wir sind das Volk – wir wollen rein!«

...trotz Kälte bis um halb zwei Uhr früh ausgeharrt haben und diesen Marathon durch Ihre fulminante Vortragskunst auch noch genossen haben. Lesen Sie so gerne? Provokant formuliert: Spannen Sie die Leute gerne auf die Folter?

Ich foltere die Leute nicht, die durften ja weggehen. Ich schimpf' ihnen zwar hinterher, aber ich nehme ihnen das nicht übel. Nein, dass ich so lange lese, liegt daran, dass ich vor etwa 12 Jahren meine erste Lesung hatte. Das war in Aachen. Da war ich so bestürzt und gerührt, dass da überhaupt Leute hingekommen waren und Geld dafür bezahlt hatten, dass ich dachte, dann sollen die auch Vollbedienung kriegen. Und am nächsten Tag war ich dann in Köln und da dachte ich das wieder: Warum soll ich Aachen besser behandeln als Köln und hab das wieder so gemacht. Und irgendwann hatte ich dann den Ruf, dass ich endlos lang lese. Bei der Lesung in Frankfurt vor der Juso-Hochschulgruppe, die dauerte bis halb zwei, haben die sich dann beschwert: ich hätte sie unterschätzt, weil sie hätten noch ganz leicht bis vier ausgehalten.

Sie haben sich das erst vor 12 Jahren angeeignet?

Talent, wahrscheinlich! Nein, ich versuche, das zu vermeiden, was ich bis dahin an Dichterlesungen selbst erlebt hatte. Irgendeine Doppelnamen-Tussi liest vierzig Minuten lang Gedichte vor, die sich nicht reimen und trinkt dazu Mineralwasser und danach ist Diskussion. All das versuche ich zu vermeiden! Die vierzig Minuten versuche ich zu vermeiden, indem es mindestens vier Stunden sind. Das Mineralwasser versuche ich zu vermeiden, indem es gehaltvollere Getränke sind. Und Diskussion danach ist sowieso noch nie passiert, weil alle froh sind, wenn sie endlich weg dürfen. Ausserdem sind Diskussionen völliger Schwachsinn. Wenn man einen Bildhauer oder einen Maler fragt, was er sich dabei gedacht hat, dann verstehe ich das. Aber einen Schriftsteller kann man nicht fragen, was er sich dabei gedacht hat, weil er das ja gerade vorgetragen hat. Wenn er das ein Bisschen klarer ausdrücken könnte, hätte er es klarer ausgedrückt.

Was sagen Sie zur Zukunft des Buches: Wird das Buch aus der Mode kommen?

Das Buch ist das modernste Medium überhaupt, man kann's überall mit hin nehmen, es braucht keinen Stromanschluss.

Gab es schon Angebote für Sie auf den immer wilder wuchernden Markt der Talkshows. Ich meine, nicht als Gast, sondern als Host?

Als Gastgeber? Nein, das gab es seltsamerweise noch nicht! Aber als Gast habe ich alles, was Rang und Namen hat, schon mindestens zweimal abgelehnt.

Hat das möglicherweise mit Ihrer Phobie vor Entführung zu tun?

Ja genau! Über Jan Philip Reemtsma und mich wurde immer geschrieben: die Millionenerben. Und wird auch noch geschrieben. Der war sein Leben lang kamerascheu, und plötzlich wurde der eitel, war dreimal hintereinander im Fernsehen, und dann machte es klick! Und das muss ja nicht sein! Im Fernsehen sollte man nur als echter Macher was tun, nicht als Schwenk-Futter. Da kriegt man auch nur symbolische Gagen. Die Leute, die in Talk-Shows gehen, machen das um sich selbst zu pushen, um ein neues Buch zu befördern. Oder weil sie tatsächlich schwer krank sind.

Und wie kam es dann doch zu Ihrer Fernseh-Karriere?
[In der ›Lindenstrasse‹, wo Harry bis 29.11.1992 Kollege von Joe Zenker, alias Til Schweiger, war.]

In Deutschland werde ich, obwohl ich nicht ins Fernsehen gehe, von 7,4 Millionen Menschen auf der Strasse wiedererkannt. Weil ich den Sandler in der »Lindenstrasse« spiele. Aber weil die allermeisten Menschen dumm sind, glauben sie zu 90%, ich wäre tatsächlich Sandler. Was für mich sehr angenehm ist, weil ich immer mal zwei Mark mit den Worten zugesteckt kriege, »koofen Se sich wat Warmes!«

Und das ist kein Widerspruch – oder nur ein imagemässiges Korrektiv?

Da bin ich sozusagen in Maske und Kostüm. Sie wären erstaunt, wie wenig Menschen Fiktion und Fakt auseinander halten können. Die glauben, ich wäre Penner. Wenn da Komparsen sind – das schenken sich viele Ehepaare zum Goldenen Hochzeitstag, dass sie in der Lindenstrasse auftreten –, die behandeln mich teilweise richtig schlecht, weil sie glauben, ich wäre tatsächlich a Sandler! Die Bekannte einer Bekannten in Berlin hat mein Foto mit Magnet am Eisschrank und sagt, dass sie den Regisseur der Lindenstrasse so bewundert, weil er diesen Typen von der Strasse geholt hat. (laut) Und die ist Sozialarbeiterin! Fest beim Berliner Senat angestellt!! Da könnte man schon meinen, dass die was zwischen den Ohren hat!!! Nein, nix.

Wie sind Sie dazugekommen, hat Geissendörfer angerufen?

Da hat mich ein Mann von dem Gourmet-Journal »Essen & Trinken« angerufen, sie machen jeden Monat was mit einem Prominenten, der kann sich ein Restaurant innerhalb Europas aussuchen und da wird er dann interviewt und geknipst und darf sich vollfressen und breitsaufen, es muss aber innerhalb Europas sein. Und da hab' ich gesagt, »Er soll mich am A... lecken, ich bin von Beruf Übersetzer und nicht Promi und kann mir mein Mittagessen immer noch selbst bezahlen!« Und dann hat meine Frau gesagt, »du hättest das Akropolis in der ›Lindenstrasse‹ nennen sollen, das ist innerhalb Europas, er hätte auf dem Schlauch gestanden, und es hätte sehr viel höflicher geklungen.« Da hab ich ihn wieder angerufen; nur so als Schmäh, um meine Ruhe zu haben. »Uij«, hat er gesagt, das wird schwer werden. Und drei Tage später hat er angerufen: »Das Lindenstrasse-Team freut sich auf unseren Besuch!« Dann sind wir nach Köln gefahren, haben jeder 100 Mark Komparsengeld bekommen, sind einmal aussen zu sehen, wie wir zügig nach rechts abbiegen. Dann sind wir drinnen. Es waren vier Takes erforderlich und nur ich hatte einen Griechischen Bauernsalat vor mir stehen mit insgesamt vier schwarzen Oliven. Inzwischen hatten wir Wahnsinns-Kohldampf, weil wir nicht wussten, dass wir uns in der Kantine hätten eintragen müssen und haben uns immer auf die Oliven gestürzt. Also 16 Oliven; er acht, ich acht. Danach hat uns die Pressetante noch durchs ganze Studio geführt und zum Schluss zu mir gesagt, »schönen Gruss vom Herrn Geissendörfer und den beiden Drehbuchautorinnen, alle drei sind begeisterte Leser ihrer Kolummne ›Pooh's Corner‹ in der ›Zeit‹. Wenn Sie wollen, schreiben wir Ihnen eine kleine Rolle rein?« Dann habe ich gesagt, »wenn schon, dann einen Penner. Das ist die einzige Randgruppe, die noch nicht vorgekommen ist!« Das war ursprünglich auf vier Folgen begrenzt. Aber dann habe ich das so gemacht, wie ich alles mache, wenn ich überhaupt was mache: nämlich recht gut! Und so bin ich dann dabei geblieben.

Sie sagten, Sie wären theoretisch immer noch Filmkritiker?

Zum Filmkritiker reicht es nicht mehr. Die Pressevorführungen sind morgens um elf und dann ist irgendwie der Tag weg. Und das habe ich mir angewöhnt bzw. abgewöhnt bei Frank McCourt. Weil das so schnell gehen musste. Da bin ich ziemlich lange hintereinander nicht ins Kino gegangen und hatte mich dann an dieses Arbeitstempo gewöhnt. Und plötzlich war fürs Kino keine Zeit mehr!


Und abends hat man anderes zu tun?

Ich stehe eigentlich jeden Morgen so um halb sieben auf, übersetze möglichst viel weg, mindestens fünf Einheiten. Egal was, Gedichte oder Seiten. Fünf plus x. So, dass man den Tag noch vor sich hat. Und wenn man dann noch ins Kino ginge, wäre Schluss damit.

Und das sieben Tage in der Woche?

Jaja sicher! Meine »taz« lese ich immer erst nachts im Bett.

Ihre Kolumne ist schon länger nicht mehr und auch nur noch sporadisch erschienen. Haben Sie keine Zeit mehr für »Die Zeit«?

Wenn ich jetzt aufhöre zu schreiben, ist das auch nicht weiter schlimm. Denn bevor ich schrieb, habe ich ja auch schon nicht geschrieben! Ich bin kein Schriftsteller, ich hab nicht so diesen Drang.

Hat nicht Torberg gesagt, dass Übersetzer die ärmsten Hunde seien?

Besonders, wenn man Kishon übersetzt. Torberg hat ja wirklich einen lesenswerten Autor aus dem gemacht. Übrigens, Torberg verdanke ich die schönsten Anekdoten über Alfred Polgar, mit dem ich tatsächlich sehr befreundet war.

Und das geht sich zeitlich aus?

Das geht sich aus! Ja, ich habe ihn kennengelernt, als ich sechs Jahre alt war. Dann habe ich sehr viel später die Polgar-Biographie von Weinzierl gelesen, und da stand drinnen, so verletzend und fast mörderisch er gegenüber Männern sein konnte, so reizend war er gegenüber Frauen und Kindern. Und da wurden mehrere Frauen aufgeführt und kein Kind, und dann habe ich Weinzierl geschrieben, »eins der Kinder, die dies belegen könnten, bin ich!« Ich war damals sehr unglücklich, ich war in der Nähe von Zürich in einem Kleinkinderheim ausgelagert, in einer Bewahranstalt und da habe ich Alfred Polgar kennengelernt, der hat mir – das klingt jetzt etwas pompös – das Leben gerettet. Ich habe auch noch einen Original-Brief von Alfred Polgar.

Zu Abschluss Ihrer unvergleichlichen Lesevorträge geben Sie A. A. Milne's »Pu der Bär« und sagen dazu: »Mal schaun, wer gewinnt: das Buch oder ich?« Wenn Sie weinen, hat das Buch gewonnen! Warum ist es gerade dieses Werk, das Sie so fasziniert – oder soll man dahinter eine unglückliche Kindheit vermuten?

Auf jeden Fall hatte ich nicht so eine grässliche Kindheit wie Christopher Robin Milne, die Hauptperson von »Pu der Bär«. Das muss wirklich schlimm gewesen sein! Und zu allem Überfluss ist der dann ohne jeden Grund auch noch enterbt worden und lebte unter dem Existenzminimum als Tischler und Buchhändler in der Provinz verbittert. Dabei hat er seinen berühmt gewordenen Vater mit Geschichten versorgt. Sein Vater hat ihm gezielt neue Stofftiere gekauft, weil der Sohn sich dazu immer neue Geschichten ausgedacht hat, die der Vater dann nur hingeschrieben hat... Das war alles sehr unerfreulich bei denen!

Danke fürs Gespräch!


gute alte ANALOG-FOTOGRAFIEREREI anno sintemalen

Hairy Harry Rowohlt anno 1999 – in Stein gehauen...
Nein: Im Cafe Stein fotografiert von kawei – und
die Ikone Hermes Phettberg stellt sich so Gott vor!

ABER – DENKFEHLER, GOTT mit Sehbehelf?
Da könnte mir die schöpfende INSTANZ,
die alles erschaffen haben soll, gleich mit Krücke gegenübertreten... Gottseidank reden wir hier nicht von einer anderen Religion....

»Ah die Sonne kommt raus! – Reden'S ruhig weiter, ich fotografier Sie jetzt mal. Ich kann auch 2 Sachen gleichzeitig
»Wollen Sie in der gespiegelten Scheibe auch mit am Bild sein?«
»Nein, aber ich will eine Gesichtshälfte dunkel mystisch und die andere hell erleuchtet«



Die Autorisierung erfolgte per Fax auf den Stand des Haffmans Verlag @ Frankfurter Buchmesse 1999. Harry begann laut vorzulesen, und immer mehr Leute scharten sich um die skurrile Performance. Zum Schluss gab es Lob & spontanen Applaus. Und deswegen muss dieses Bild so ausgewaschen sein wie seine Alt68er Jeans.


Ein Jahrzehnt danach:
Neue Fotos von Harry Rowohlt am 25.11.2009
in Wien



 



Boots, I did it again!
Und seit 2010minus1
fotografiere ich nur mehr digital
– und das geht so:



  











 
 
   


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Erstkontakt gefällig: Kennen gelernt auf der Leipziger Buchmesse 1997 als auch ich 1 von cirka 473 Lesenden war. Bei diesem Anlass – so von Kollege zu Kollege – habe ich ihm mein Postbuch aufgedrängt, er dann nachher am Telefon in Hamburg Eppendorf, auf die Frage: »Na Kollege, schon mein Buch gelesen?«
»NEE! Und ich hab auch nicht die geringste Lust, mir so'n flapsiges Werk mit schnoddrigem Titel und welschem Cover reinzuziehen!«
Ich: »Aber Harry! You can't judge a book by its cover!«
Rowohlt: »Yes of course, I can!«
Ich: »Aber Harry, hätt ich Dich auch nach Deinem Äusseren beurteilt, so hätt ich Dir mein Buch garantiert niemals aufgedrängt!«
Nun sind wir sowas wie befreundet und per Sie [und aus meinem Buch über die Post in Wien13 ist in der 4. Auflage ein Hardcover geworden]


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