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BEST OF VERÖFFENTLICHT:

Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten

(Ein Handke-Titel für einen Herbert-Hufnagl-Nachruf? Ob Herr Hufnagl das goutiert hätte...
Auch ein Henry-Miller-Titel wäre passend, wenn auch pietätlos: Wendekreis des Krebses?)
Jedenfalls ein sehr persönlicher Nachruf auf meinen Vorwortschreiber – von Karl Weidinger

 

Der beliebte »Kopfstücke« Autor hat seinen Kolumnenkasten geschlossen. Für immer. Und zwar am Freitag, den 14. Oktober 2005. War eine lange Schicht, die er mit vollem Einsatz in seinen immer hundertprozentig fehlerfrei gedrechselten Sätzen gefahren ist. Über 5000 Glossen hat er verfasst (eine sogar extra für mich, für meinen Postreport, weil er diesen für unterstützenswert erachtete). Pflichtbewusst wie er war, hat er an einem Freitag den finalen Redaktionsschluss eingehalten, während ich mich daheim im Land der Burgen dem kampftrinkerischen Warmup zum Piringer Kirtag hingab. Doch diesmal hat er nichts vorgeschrieben – wie etwa mein Namensvetter Kräuterpfarrer Weidinger für ein kleinformatiges Blatt. Einmal pro Jahr hatten wir es uns zur Angewohnheit und Einrichtung gemacht, Essen zu gehen um allerhand abzuquatschen. Einmal, einst im Mai stöhnte er unter der Last der Fenstertage. Jede Kolumne müsse er vorschreiben, lamentierte er in seinem Lieblingslokal ›Zur Stadt Krems‹, genüsslich beäugt und liebevoll geserviced von seinem Lieblingsober, Herrn Herbert, den er bereits zu seinem einmaligen TV-Versuch namens »Koffer der Woche: Die Koffershow« (oder so) mitgenommen hatte.

»Nix einfacher als das«, plapperte ich geschwätzig zurück, »Leserbriefe«, mein Resümee, als ich das Schnitzel zerteilte. Er löste die Panier des Brathendls und murrte: »Dazu is mir da Platz zu schad!« Ausserdem bemüht, ein bisserl was von seinem abgewaschenen Steirisch einfliessen zu lassen, um bei mir als Burgenlandmensch nicht das Gefühl von »Fremde in Wien« aufkommen zu lassen – war eh unbegründet.

Apropos Platz: Beim allerersten Essentreffen war ich schon vor der Zeit zugegen und platzierte mich am unscheinbarsten Katzentisch, wie es meiner – damals noch äusserst devoten – Gemütslage entsprach. Der Ober, ein Herr Herbert, fragte nach einiger Zeit unaufdringlich, ob ich auf jemanden warten würde. »Ja-a, d-den Herrn Hufnagl vom Kurier«, stammelte ich ehrfurchtsvoll. Der Ober nahm mein Krügerl weg und enteilte. Ich wollte schon hinterher und ihn mit einer Gnackwatschen hinterrücks niederstrecken (wie mans im Land der Burgen machen würde mit so einem sonderbaren Schankburschen!), besann und beherrschte mich aber und wollte mich lieber verdrücken. Jedoch dann bemerkte ich, dass der Herr Ober mich zu etwas Besonderem führen wollte – wie der Fernsehhund Lassie, wenn wo ein Unglück geschehen und ein helfendes Eingreifen vonnöten war.

Noch war kein Unglück geschehen, der »Schankbursche« (der Mann der Chefin) zeigte auf einen reservierten Platz und knurrte freundlich wie Lassie, wenn alles gerettet war: »Der Herr Hufnagl würde nie da, wo Sie warn, sitzen... Er sitzt immer hier.. bitte sehr!« Im selben Moment tauchte der »Kopfstücke«-Autor auf und entschuldigte sich schmunzelnd fürs Zuspätkommen, »ah, den Herrn Herbert haben Sie auch schon kennen gelernt...«

Und vom ersten Moment an gabs immer was zu bereden. Über die Judenburger Connection, zetBe: RP Gruber, der andere Literat, der mir dann später auch ein Vorwort verfassen sollte. »Nana! Der is ka Judenburger, der is a Fohnsdorfer, aber wir sin gemeinsam in d Hauptschul in Judenburg 'gangen.« Und da hatte ich anlässlich meines Rennfahrerkurses 1987 in der Walter Lechner Racing School im Postamt 8750 genächtigt um 30 Schilling pro Tag, Telefon inklusive. Mein Instruktor damals war der Franz Tost (ein kerniger Tiroler, der Chef des Toro Rosso Rennstalls [= die Bezeichnung für ein rotes männliches Muhwetzi] wurde... Der Kurs kostete 3 Monatsgehälter, 21000 ATS damals). »...Und erst diese grosse Brücke über die Mur, wie die mir Respekt eingeflösst hat«, wasserte ich nach, um mit meinen Orts-Kenntnissen zu prahlen – wir waren schon beim 2. Bier: er Seidel, ich Krügel.

Herr Hufnagl erzählte, dass er wegmusste, damals in jungen Schuljahren, Anfang der 60er, in die grosse ferne Stadt. »Wie Sie, Herr Weidinger«, denn soviel gegenseitiger Respekt musste sein in der Anrede. Die HAK-Matura machte er bereits in Wien. Recht schnell kam er als gewitzter Aspirant bei Jörg Mauthe, dem legendären Wiener Literaten und Schöpfer des Dauerbrenners »Watschenmann«, unter die schreiberischen Fittiche. Was er nicht wollte, zum Schluss, war sein sich ankündigendes Dahinscheiden ebenso öffentlich zu machen wie Mauthe. Und was er nicht ahnte – es blieben ihm sogar 2 Jahre weniger an Lebenszeit vergönnt wie seinem »journalistischen Ziehvater Jörg Mauthe« (© Peter Rabl). Heldenhaft stellte er sich gegen den Krebs, trat nicht und nicht mehr öffentlich auf, wimmelte etliche Anfragen von »Vera« bis »Willkommen Österreich« ab. Bei unserem letzten Treffen sprach er von der Freundschaft und der Bewunderung für den Kabarettisten Fredi Dorfer, den er ob dessen leiser satirischer Art überaus schätzte und über die überaus intellektuelle Schalkhaftigkeit des »neuen« Papstes Benedikt XVI.

Apropos öffentlich: Einmal lud er mich auch zu einer seiner Lesungen ein: Kabarett Niedermair, genüsslich beäugt und liebevoll geserviced von seinem stummen Gartenzwerg »Zieritzl«, in dem er die österreichische Seele eingefahren sah. Es war um so eine Zeit wie jetzt, Martini. Er stellte mich seiner Familie vor, ein höflicher Knicks, nicht mehr. Auch Hans Peter Heinzl, Mitinitiator des einmaligen TV-Versuchs, war damals noch leibhaftig zugegen. Ging ums »Martini Ganslessen«. Der stets schwarz gewandete, vormals füllige Kabarettist Heinzl strich sich über seinen eisgrauen Bart und ergriff dröhnend das Wort: »Wann i nur bei an Gansl vorbei geh, muass i 3 Tag in d' Klinik«. Ebenfalls Krebs, Bauchspeicheldrüse.

Das erste persönliche Zusammentreffen nach Jahrzehnten der leserischen Bewunderung war in der Nationalbibliothek am Josephsplatz. Bei einer Karikaturen-Ausstellung von Dieter Zehentmayer (auch zu früh verstorben, Jänner 2005, Krebs). Damals kannten wir einander noch nicht. Von 1987 bis 1993 hatte ich an meinem Manuskript vom »Postreport« geschrieben (von 1992 bis 1998 konnte ich mir ein Kurier-Abo leisten). In einer Verzweiflungstat, die ich nie mehr wiederholt hätte, schickte ich ihm das verschnürte Pamphlet per Post(!). Die nächste Kontaktaufnahme erfolgte wieder über die Post (jaja liebe Kinder, damals hatte die Post noch das KommunikationsMonopol), diesmal Telefon; eigentlich sollte es nur beim Versuch bleiben – aber wie viele unüberlegte Handlungen funktionierte diese.

Herr Hufnagl hob das Telefon auf seiner Klappe 2745 im Kurier ab. Mein vorbereiteter Satz lautete: »Ich sitze in meiner tristen Klause über 1 Text von Ihnen – ich hoffe, Ihnen geht's ähnlich & Sie sitzen auch über 1 Text von mir!« – Naja, netter Versuch. Aber er verstand, hatte das Manuskript erhalten, stellenweise reingelesen, fand es unterstützenswert, auch wenn er selber nix machen könne. »Aber was ich machen könnte: ich kann Sie zum Essen einladen, vielleicht hilft das irgendwie…« Und aus der Möglichkeits- wurde die Wirklichkeitsform... Und so geschah es, ehrfurchtsvoll: Zur Stadt Krems. Und eine leise, auf gegenseitigem Respekt basierende Bekanntschaft nahm seinen Anfang – inklusive Ober/Schankburschen, auch wenn ich niemals zu einem Menschen »Herr Herbert« sagen könnte.

Die Koffer, die ich meine

Dann begann Herr Hufnagl fürs ›Sportmagazin‹ zu schreiben; alles neu; und es versuchte, die alten Zöpfe der pathetischen Heldenverehrung in der Sportbericht-Erstattung abzuschneiden. Herr Hufnagl machte, ermuntert von seinem sportbesessenen Sohn, eine Kolumne, die aber irgendwann wieder einschlief. Das ›Sportmagazin‹ mauserte sich zur Ansammlung eines Komplexhäufchens Elend, das sogar die starrsinnigen Kämpen und senilen Recken des altehrwürdigen Küniglbergs verblassen liess vor lauter wichtig tuerischer Geschwätzigkeit. Jeder unwirsche Racketschwinger war gleich der neue »Agassi«, jeder ungehobelte Balltreter ein neuer »Maradona«, jeder ungestüme Lenkraddreher gleich der neue »Senna« usw.

Und zufällig trafen wir einander damals im ›Eldorado‹, dem City Club vor den Toren der SCS, wohin ich als aufstrebender Werbetexter bereits eingeladen war (früher als Noch-Postler musste ich mir mit Andre Hellers veruntreuten Einladungen das Entree erschwindeln). Das ›Sportmagazin‹ hatte Oliviero Toscani eingeflogen. Und wieder ritt mich 1 Wahnsinnsidee: Mein Erstlingswerk stand nach 6 Jahren vor Fertigstellung und Drucklegung. Eine Klage auf Unterlassung, samt Einstampfung seitens der Posthoheit stand durchaus im Raum. Also wäre Schützenhilfe nicht schlecht. Und wer wäre dazu besser geeignet als jener Kolumnist, der das Kürzel ULP (=Unsere Liebe Post) erfunden und salonfähig gemacht hatte?

Und er möge sich doch bitte-bitte ein Vorwort für mein Postwerk überlegen, tat es auch und verfasste es am nächsten Tag. Das war so ausserordentlich nett – wie unüblich in der Branche. »Normalerweise, Herr Weidinger, kostet so ein Vorwort zwischen 5 und 10 Tausend Schilling, aber ich würde mir sowas nie für Geld antun«, sagte er. Sein Sohn wurde leicht eifersüchtig – oder es war ein Pflanz zwischen den Beiden: »Vater, so leichtfertig gehst du mit meinem Erbteil um?«, sagte der Sohn Michael. Als er dann mutmasste, ich würde den Bayreuther Komponisten Richard Wagner (=Schwiegersohn des Burgenländers Franz Liszt) nicht kennen, beschloss ich, mich vom Jungen H. nicht mehr provozieren oder herausfordern zu lassen. Während einer Klopause des Alten H. klagte er sein Leid, welche Nachteile ihm »doch aus dem grossen Namen Hufnagl im Kurier« erwüchsen. Leicht Abhilfe geschaffen, dachte ich, gehst halt woanders hin! Aber aus Gründen der Konfliktvermeidung und weil er mir gelinde gesagt »zu wurscht« war, machte ich jedoch einen auf »grosser Autist«, bis der Senior wieder da war. [Der oft viel geschmähte Hans Krankl, zet Be, schickte seinen Sohn Johann Krankl Junior aufs Postamt 1130 ferial hackeln als Briefträger – das fand ich weitaus mutiger.]

Dann kam die Präsentation im Graumanntheater im ersten Wiener Gemeindebezirk namens Wien1. Herr Hufnagl übernahm den Ehrenschutz, fragte per Telefon, ob er – wenn er sich schon in den Dienst der guten Sache gestellt hätte – nicht auch was vorlesen solle. »Ja natürlich, mit Handkuss«. Und so erschien er vor Ort, hatte den Herrn Generalsekretär Willy Kralik (ebenfalls schon verstorben, Alterskrebs?) vom ORF Seniorenclub im Schlepptau. Ein lieber alter Herr, dessen Hände zu zittern anfingen, wenn er sie den jungen Land- und Postburschen sanft auflegte. Im Überschwang der frühlingshaften Gefühle – wegen der gerade zu keimen begonnen habenden Liebe zu Eugenie »Jenny« Pippal? (17 Jahre später auch tot, gestorben 2010, erraten: Krebs mit 63 Jahren). Professor Seniorenclub stellte mir gleich fröhlich enthemmt in Aussicht, eventuell sogar Autor fürs ›Turnier auf der Schallaburg‹ sein zu können... Was dann aber die Chefschreiberin Lore Krainer – wie schon öfter? – zu Recht abschmetternd hinterfragte.

Bei dieser legendären Uhudler getränkten Veranstaltung gab der Ehrengast, Herr Hufnagl, mir auch einen Rat – als ehemaliger Kulturchef des Kurier – mit auf den weiteren Weg: »Herr Weidinger, jetzt ham Sie si nix Gutes getan. Sie ham si die ärmste aller Künste ausgesucht, die Literatur. In die Werbung können Sie jetz nimma zurück, weil Sie schon Literat sin. Und bis Sie Erfolg ham wern, wern Sie fett sein wie der Turrini, versoffen wie der Bauer und deppert wie der Handke. Und net amal dann ist gewährleistet, dass Sie vor Ihrem Tod vom Schreiben leben können! Nachher schon eher, das ist immer so in Österreich!«

Abschiednehmen auf Österreichisch

Einmal fragte er – ER, Herr Hufnagl – mich um künstlerischen Rat per Telefon: Ich sollte ihm berichten, wie meine Lesung in Herrenbaumgarten – beim ›Verein zur Verwertung von Gedankenüberschüssen‹ – ausgefallen sei, da er 14 Tage später ebendort eine Lesung hatte. Tat ich gerne! »Der liebenswürdigste Tonmensch aller Zeiten, so antiquiert wie seine warmherzig brummenden Röhrengeräte, aber bezaubernd, den werden Sie sofort ins Herz schliessen, weil so anachronistisch und einzigartig«, sagte ich. Und wieder war wer vom ORF Seniorenclub anwesend. Ingrid Wendl (inzwischen im ÖVP Seniorenclub). »Und über die Wendl drehte der ORF NÖ am Nachmittag ein Porträt, also wurde ich mit vorgehaltener Kamera – während meiner stillen (har-har!) Aufwärmphase – gezwungen, 1 Geschichte nur für sie zu lesen, wobei die Einstellung eh so eng gewählt wurde, dass niemand der NICHT Anwesenden zu sehen war«, prahlte ich mich weg wie es normalerweise nur Schauspieler tun. Also freue er sich schon auf Herrenbaumgarten, sagte er höflich und legte auf.

Und dann der ultimative finale endgültige Rat, den er für mich – wie sein geleistetes unterstützendes Vorwort – parat haben sollte. In die ›Stadt Krems‹ wollte er nicht mehr und so wurde es ein stiller Chinese ums Eck, mit kaum Gästen. Kein Trubel, null Aufsehen und – wichtig: niemand, der ihn erkannte und auf seinen Zustand ansprach: 2 Menüs orderte er. Denn er hatte angefangen einzuladen, und er war wieder dran mit Bezahlen.

Er kämpfte mit seinem Teller, brachte kaum was weg, las die Hühnerstücke aus, hatte Probleme mit dem Schlucken wie ein Ösi-Fussballer mit dem Tore schiessen. Ein Jahr zuvor hatte er unsere gemeinsame Nahrungsaufnahme ausfallen lassen, und ich hatte schon gedacht: aus persönlichen Gründen! Er mag mich nimmer!! Ich wäre eventuell in Ungnade gefallen wegen meiner zahllosen Respektlosigkeiten!!! Jedoch er hatte schon seine Diagnose in Form des retardierten Todesurteils erhalten und ging immer noch ins dunkle Haus im 7. Wiener Gemeindebezirk namens Wien7 arbeiten. Neubau heisst der Bezirk, sein Büro war eine Verhöhnung des Bezirksnamens. An der Tür prangte der Spruch »Jeden Tag eine Kolumne zu schreiben, ist wie auf Befehl scheissen!«

Und heuer sollte er mir unter Schmerzen von seiner zuletzt unternommenen vierwöchigen Kur in Hochegg erzählen. »Bevor i ma des no amol antua, bring i mi glei um«, sagte er resignierend. Er habe sich auch jeden Besuch und jegliche Nachreise ausdrücklich verbeten, sagte er. Und es war die Hilflosigkeit, vor der sich am meisten fürchtete, so schien es. Aber er versuchte gleich wieder aufs Lustige, schmunzelnd Machende überzuleiten. Vergangenes/Gemeinsames. Resümierendes. Und der liebste seiner neun – in Zahlen 9 – überstandendenen Chefredakteure war.....

Am meisten hatte ihn zum Postbuch amüsiert, wie der »Petzi Rabl« (wir redeten über den Kurier Herausgeber!) in sein Büro gestürmt war –: »...und wenn i sag ›gestürmt‹, dann mein ich auch gestürmt! – ›Wos isn des fia a Wohnsinniga?‹ hat er gfragt. Und dann hab ich ihm von Ihnen erzählt und er hat gsagt, er will das Buch auch!«

»Un wird as zahln auch? Solche Leut zahln jo ni wos«, feixte ich unbedarft zurück, anstatt mir der Gnade bewusst zu werden. »Da brauchn Sie sich keine Sorge zu machn!« Und Herrn Hufnagls Sorge galt der Schrebergarten-Mentalität unserer Medien. Und der »Petzi Rabl« bezahlte prompt. Und so hatten wir uns für den 22. April 2005, wieder ein Freitag, verabredet zum diesmaligen Essengehen...

Redaktionsschluss in greifbarer Nähe

Um 12 Uhr 30 vor dem Kurier-Portier in der Lindengasse 52 war der vereinbarte Treffpunkt. Ich kam mit dem Fahrrad, er kam sich schleppend. Ich hatte ein Buch mit, das womöglich schwerer war als er. Und empfahl ihm, gleich auf Kapitel 16 zu beginnen (damit es sich noch irgendwie ausgehen würde mit den 500 Seiten, eventuell)... »Da gehts um einen unliebsamen Opponenten, Feind wäre zuviel der Ehre für diesen – ich zitiere Bürgermeister Michl Häupl –: mieselsüchtigen Verleger-Koffer...«

Herr Hufnagl schmunzelte wieder, wie er es oft tat, diesmal gequält. Zuvor hatte er begonnen, sich von allen im Verlagsgebäude persönlich zu verabschieden, als er bedächtig seinen Platz räumte. Und dieser Umstand verschaffte auch mir die Ehre dieses, nun am 22. April stattfindenden Mittagsmahls. Und ich sah, dass er dankbar war, dass ich das offensichtliche Thema nicht anschnitt. Bier war diesmal fehl am Platz, leider. Nachdem ich seinen Teller auch aufgegessen hatte (sorry, ich bin Burgenländer; die Hälfte der Menschheit kann sich nicht satt essen), fragte ich ihn, ob ich in seiner Gegenwart rauchen dürfte.

Er bejahte und bat auch um eine. Zuerst dachte ich, er hätte mehr kein Geld für Tschick... Oder war es ihm ärztlicherseits untersagt worden? Still rauchten wir nebeneinander her wie zwei Verlorene. Mehr als nur 1 gemeinsame Geste. Eine letzte gemeinsame Zigarette wie für Delinquenten.
Irgend jemand musste nun was Blödes sagen, also ich: »Aber nicht dass Sie jetzt wegen mir rückfällig werden!«, denn früher verputzte er seine Ernte 23 nach jedem Dinner.
»Des is jetz a scho wurscht...«

Überhaupt war das für ihn der inoffizielle österreichische Slogan schlechthin (einmal hatte er mich als Werbetexter telefonisch um Aufklärung, den professionellen Unterschied zwischen »Slogan« und »Headline« betreffend, gebeten).

Und mit der Rechnung war er blöderweise auch noch dran (Somit bin ich ihm nicht nur ein Vorwort, sondern auch das nächste Essen schuldig – und werde nun in diesem Leben meine Schuld nicht mehr begleichen können!).

Dann auf der Strasse beim Abschiednehmen sagte er noch, merkwürdig schwingend beschwingt.
»Herr Weidinger, verzweifeln Sie mir nie am Österreichischen, am in Österreich sein!«
Es war das letzte Ma(h)l.
Es war das letzte Treffen gewesen, und wir beide wussten es. Und es war sein letzter Rat, ein Vermächtnis?
Ob er mein Buch, beginnend auf Kapitel 16 gelesen hat? »Des is jetz a scho wurscht...«.
Verzweifelt, still – oder Schicksal? Auf jeden Fall alles sehr Österreichisch. Ruhe in Frieden, Herr Hufnagl.



Herbert Hufnagl
(* 13. Feber 1945, † 14. Oktober 2005)
anno 1993
auf meiner Buchpräsentation.



Impressionen
der ersten Buchpräsentation von »kaweis Postreport: Der Missbrauch des aufrechten Ganges«, 1. Auflage, im Dezember 1993 im Graumanntheater in Wien1.




Über ein Fünftel seines Lebens hielten wir losen Kontakt, nachdem er mir 1993 aus Gefälligkeit ein Vorwort verfasst hatte. Fallweise telefonierten wir. Wenn er was über Spezifika der Post oder übers Land der Burgen erfahren wollte. (Übrigens der Hinterkopf neben der Dame mit Haarschleife gehörte Herrn Willy Kralik.)



Und ich wollte, dass er seinem Vorwortschreiber, einen Postkunden von mir, mein Erstlingswerk aushändigte. Sozuschreiben ein Postillon d' literature.



Nachzufragen, ob Andre Heller mein Buch je erhalten hat, wagte ich jedoch nie...

Exakt in der Woche drauf – im Dezember 1993 – wurde dieser Mann hier nationwide bekannt – durch das »profil«. Links im Bild: Josef Hartmann, der von Kardinal Hans-Hermann Groer als Zögling missbraucht worden war. Wie der auf diese Buchpräsentation gekommen war, weiss niemand, aber mir ist jedermensch willkommen...

 

 



Endlich meine ERSTE EIGENE Lesung, nikotingeschwängert und endlich die Promis abgedampft, endlich blunzenfett (mit Uhudler abgefüllt), endlich wie es sich gehört... immerhin habe ich es mir zur Angewohnheit gemacht, mit jedem Gast ein Achterl zu trinken.


InsiderGeheimnis:
40 Liter Uhudler war dieser Event schwer. Inzwischen will ich nicht mehr die ganze Welt betrunken machen und schenke nur noch die Hälfte [20 Liter] gratis aus.



»...fett wie der Peter Turrini,
versoffen wie der Wolfi Bauer
und deppert wie der Peter Handke«,
befürchtete Herr Hufnagl, würde ich werden müssen...
... bis der Erfolg erfolgen könnte.
Nun, ich bin von alldem weit entfernt;-)




Und was wäre eine Buchpräsentation von mir, wenn ich nicht den Deppen runterreissen würde...
Hier mit Lektorin Gerda Hajszanyi bei der Verlosung der fünf Leiberl mit dem Affenmotiv drauf.

Weitere Gäste Rene Freund (Schriftsteller), Andy Ubell (News) UNDUNDUND: Claudia Stöckl machte einen 10Minüter für Ö3. [Das glaubt mir niemand: Dass Ö3 dereinst jemals Beiträge – noch dazu in dieser Länge: Z-E-H-N!!! MINUTEN!!! – über Literatur gemacht & gebracht hat....]

Zum Trost, Liebeserklärung an seine Zeitung
Latest Pic by Erich Mangl: Link [klickbar!] So war er!



Alle Fotos: Robert Hanreich

*Eigentlich
hätte
ich das
»Im Wendekreis des Krebses« (frei nach Henry Miller) nennen wollen, aber das wäre zu respektlos gewesen und hätte das Schmunzelnde im Betriebssystem des
Herrn Hufnagl
etwas gar zu
sehr verfehlt!
Oda doch ned?
Wir werden es
nie erfahren
Ruhe sanft!


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