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PRINTERVIEW

Kurzer Prozess: Dopium fürs Volk

Gerichtssaal-TV boomt. Dabei wäre es höchst an der Zeit,
dem Medium Fernsehen den Prozess zu machen. – Eine Kriegserklärung an die »Massenvernichtungswaffe der Intelligenz« von Autor Karl Weidinger (kawei.txt)

 

Nach Ärzteserien, Talkshows, Casting-Mania, Expeditions-Reality & Doku-Soaps steht bereits die nächste televisionäre Heimsuchung auf dem endlosen Programm. Und sogar die seinerzeitige Justizministerin sagte via TV-Media über die grassierenden Gerichtssaal-Shows: »eine mögliche Form, sich vorweg mit einer Gerichtsverhandlung auseinander zu setzen.« – Hallo gehts eh noch, Miss BZÖ?
Dabei wäre es höchst an der Zeit, jener mafiösen Organisation namens TV den Prozess zu machen. Denn auch sonst überall lauert der Paragraphen-Dschungel. Und hier eine Expedition ins Strafgesetzbuch mit ein paar Erläuterungen.

Körperverletzung mit schweren Dauerfolgen, § 85 StGB: Hat die Tat für immer oder für lange Zeit den Verlust oder eine schwere Schädigung der Sprache, des Sehvermögens, des Gehörs (…) oder ein schweres Leiden, Siechtum oder Berufsunfähigkeit des Geschädigten zur Folge, so ist der Täter mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren zu bestrafen.

– Inzwischen müssten alle wissen, wozu übermässiger TV-Konsum führt. Und an den Wahrsprüchen der US-Gerichte gegenüber Rauch-Opfern liesse sich eventuell ein Trend ablesen. Wann fordert die EU das ultimative Warnschild auf Programm-Zeitschriften? Und Inserts wie auf den Tschick-Packerln: »Warnung! TV kann Ihrem Gehirn enormen Schaden zufügen.«

Quälen oder Vernachlässigen unmündiger, jüngerer oder wehrloser Personen, § 92 StGB: Wer einem anderen, der seiner Fürsorge oder Obhut untersteht und der das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hat oder wegen Gebrechlichkeit, Krankheit oder Schwachsinns wehrlos ist, körperliche oder seelische Qualen zufügt, ist mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren zu bestrafen.

– Handeln Kinderverwahrungs-Anstalten guten Glaubens, wenn sie Verantwortung abgeben an dubiose Kommissionen, die dem Programm Unbedenklichkeit attestieren? Und ist Dauer-TV in Seniorenheimen und Geriatrie-Lazaretten etwa gar sowas wie eine Menschenrechts-Verletzung?

Imstichlassen eines Verletzten, § 94 StGB: Wer es unterlässt, einem anderen, dessen Verletzung am Körper (§ 83) er, wenn auch nicht widerrechtlich, verursacht hat, die erforderliche Hilfe zu leisten, ist mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bis zu 360 Tagessätzen zu bestrafen.

– Talkshows führen Leute mit klar erkennbaren Schäden vor. Hilfe & Anteilnahme wird vorgegaukelt. Doch in Wirklichkeit erscheint es wie Verhöhnung, wenn mit bedürftigen Opfern ein fruchtbares Werbeumfeld aufbereitet wird. Vor Wirkungen und unerwünschten Wirkungen….

Unterlassung der Hilfeleistung, § 95 StGB: Wer es bei einem Unglücksfall oder einer Gemeingefahr (§ 176) unterlässt, die zur Rettung eines Menschen aus der Gefahr des Todes oder einer beträchtlichen Körperverletzung oder Gesundheitsschädigung offensichtlich erforderliche Hilfe zu leisten, ist mit Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten oder mit Geldstrafe bis zu 360 Tagessätzen zu bestrafen.

– Unglücksfall und Gemeingefahr ereignen sich im Katastrophentakt. Kameraleute verstellen nicht selten den rettenden Weg. ReporterInnen interviewen HelferInnen und halten diese oftmals von ihrer wichtigen Arbeit ab. Jede inkompetente Einmischung unter vorgeblich dokumentierenden Einsatz sollte strafrechtlich verfolgt werden. Nur weil sich jeder daran gewöhnt hat, ist es nicht weniger Paragraphen verletzend.

Vorsätzliche Gefährdung durch Sprengmittel, § 173 StGB: Wer einen Sprengstoff als Sprengmittel zur Explosion bringt und dadurch eine Gefahr für Leib oder Leben (§ 89) eines anderen oder für fremdes Eigentum in grossem Ausmass herbeiführt, ist mit Freiheitsstrafe von einem bis zu zehn Jahren zu bestrafen.

– Mannigfach herbeigeführte Explosionen von Dieselkraftwägen(?), die mit Lokomotiven kollidieren(!), bei brachial-debilen Serien wie ›Alarm für Cobra 11 – die Autobahnpolizei‹ sprechen eine deutliche Bildsprache, gefährden den Lebensraum der Allgemeinheit und fügen der Öko-Sphäre einen beträchtlichen Umweltschaden zu, für den wiederum die Allgemeinheit leidet und auch bezahlt.

Zuhälterei, § 216 StGB: Wer mit dem Vorsatz, sich aus der gewerbsmässigen Unzucht einer anderen Person eine fortlaufende Einnahme zu verschaffen, diese Person ausbeutet, sie einschüchtert, ihr die Bedingungen der Ausübung der Unzucht vorschreibt oder mehrere solche Personen zugleich ausnützt, ist mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr zu bestrafen. (…) Mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren ist auch zu bestrafen, wer durch Einschüchterung eine Person abhält, die gewerbsmässige Unzucht aufzugeben.

– Immer wieder werden dieselben notorische Serientäter verpflichtet, in weiteren Folgen aufzutreten. Eine Weigerung, dieser Arbeit nachzugehen, hätte schwerwiegende Folgen, sagt man hinter vorgehaltener Hand und abgeschalteter Kamera.

Menschenhandel, § 217 StGB: Wer eine Person, mag sie auch bereits der gewerbsmässigen Unzucht ergeben sein, dieser Unzucht in einem anderen Staat als in dem, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt oder in dem sie ihren gewöhnlichen Aufenthalt hat, zuführt oder sie hiefür anwirbt, ist mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren, wenn er die Tat jedoch gewerbsmässig begeht, mit Freiheitsstrafe von einem bis zu zehn Jahren zu bestrafen.

– »Die Gewaltbordellbetreiber mit ehrwürdigen Firmennamen« nannte es der Schriftsteller Martin Walser im Standard-Gespräch mit Karl-Markus Gauß. Die solcherart genötigten Opfer der Trottelzuchtanstalten – auch wenn sie klingende Namen haben – sind Legion. Geschäfte mit Unmündigen sind bekannter Weise sittenwidrig, jedoch mittels Agenturen sind Grenzen keine Hindernisse und AkteurInnen werden an jeden noch so exotischen Drehort verbracht.

Tierquälerei, § 222 StGB: Wer ein Tier roh misshandelt oder ihm unnötige Qualen zufügt, ist mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bis zu 360 Tagessätzen zu bestrafen.

– Dazu zählen auch die auf Daniel Kübelböck losgelassenen Kakerlaken, ganz zu schweigen von der verspeisten Made einer vorgeblich buddhistisch tuenden Kabarettistin namens Lisa Fitz.

Täuschung bei einer Wahl oder Volksabstimmung, § 263 StGB: Wer durch Täuschung über Tatsachen bewirkt oder zu bewirken versucht, dass ein anderer bei der Stimmabgabe über den Inhalt seiner Erklärung irrt oder gegen seinen Willen eine ungültige Stimme abgibt, ist mit Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten oder mit Geldstrafe bis zu 360 Tagessätzen zu bestrafen.

- Bezeichnend, was Thomas Assheuer in der ›Die Zeit‹ schrieb: »Helmut Kohls Postminister Christian Schwarz-Schilling (…) hat einmal gestanden, die Christdemokraten hätten sich von der Kommerzialisierung des Fernsehens mehr CDU-Nähe versprochen – und stattdessen viel Abfall bekommen«. (Die Zeit 03/2004 ›Kopfsprung ins Seichte‹). Und warum soll das nicht auch fürs Oeffentlich-Rechtliche Fernsehen namens ORF gelten?

Bandenbildung, § 278 StGB: Wer sich mit zwei oder mehreren anderen mit dem Vorsatz verbindet, dass von einem oder mehreren Mitgliedern dieser Verbindung fortgesetzt (…) gemeingefährliche strafbare Handlungen ausgeführt werden, ist mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren zu bestrafen. (…) Ferner ist wegen Bandenbildung nicht zu bestrafen, wer freiwillig von der Verbindung zurücktritt, bevor eine Tat der geplanten Art ausgeführt oder versucht worden ist;

– Wo sind die »Pentiti« (die reuigen Sünder der Mafia), die auspacken, um der Verschwörung zur kollektiven Verblödung abzuschwören. Wessen Arm ist so stark, dass er das internationale Netzwerk des organisierten Verbrechens bewegen kann, seine verderblichen Machinationen endlich aufzugeben?

Vorsatz, § 5 StGB: Vorsätzlich handelt, wer einen Sachverhalt verwirklichen will, der einem gesetzlichen Tatbild entspricht; dazu genügt es, dass der Täter diese Verwirklichung ernstlich für möglich hält und sich mit ihr abfindet.

– Vorsätzlich, absichtlich und wissentlich hat der Täter gehandelt, der in den BedürfnisAnstalten eine Verdummung herbeiführt, die generalstabsmässige Dimensionen annimmt. Oder könnte man sehenden Auges fast schon von einem »versuchten Genozid« bei weniger widerstandsfähigen Gehirnen sprechen?

Schluss-Plädoyer: Zeit, um einige US-Star-Anwälte einzuschalten. Selbst auf die Gefahr, dass die ihre eigene Show abziehen. Es erscheint angebracht, Entschädigungszahlungen einzufordern. Ganz gleich, ob staatliches oder privates TV. Die Konsumenten sollten nicht mehr länger um diesen Einheitsbrei der Anstalten in den Kanälen herumschleichen. Zuviel ist geschehen, um es dabei (und die TV-Obrigkeit in Frieden) zu belassen. Und schon gar nicht kann man die Verantwortlichen weiterwerkeln lassen, um noch mehr Sendungen übers Nasenbohren unter dem Vorwand der Quote zuzulassen.

Denn Seher haben eine Menschenwürde. Bei den Öffentlich-Rechtlichen geht man mit TV-Beiträgen ein rechtsverbindliches Geschäft »Geld gegen Ware« ein. Sobald man übervorteilt wird, muss man rechtliche Schritte setzen. Und bald schon kann der Beweis der vorsätzlichen Verdummung als Musterprozess geführt werden. Als Präzedenz- oder Demenzfall dienen die USA, die früher noch Intellektuelle wie John Steinbeck, Alex Hailey oder Henry Miller hatten. Nach der McCarthy-Ära in den 50er Jahren wurde eine »Micky-Mausierung« vorangetrieben. Nun gibt es bereits etliche Generationen, die nahezu kulturlos aufgewachsen sind, sich dafür aber wonniglich im Trash-TV suhlen wie glückliche Schweine in Bodenhaltung – de jure als Opfer einer »Massenvernichtungswaffe der Intelligenz« zu betrachten.



Massenvernichtungswaffe der Intelligenz:
DummTV. kawei sattelt seine Rosinante auf und reitet in die Paragrafenschlacht.




DummTV. Was bringt einen Menschen dazu, so aufzutreten?



SchönTV. Reich & Schön. Oder Blöd & Geil?



Debil-TV ist überall.
Und es wird nicht eher ruhen, bevor es eine komplette Generation von Untertanen erzeugt hat.

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